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24. Mai 2010 19:23 Uhr

Augsburg

Sudetendeutscher Tag: Prátelství heißt Freundschaft

Auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg haben junge Tschechen und Deutsche für Völkerverständigung geworben - und die Zukunft beider Staaten vorgelebt. Von Michael Kerler

Ein bisschen ist es wie in einem Suchbild. Wo steckt der Fehler? Die jungen Leute aus Tschechien tragen T-Shirts mit dem Schriftzug "Sojka", in der Hand halten sie eine Europafahne. Zwischen den Standarten, den Männern mit den Trachtenhüten, den weinroten Westen mit Silberknöpfen, den Mädchen mit weißen Blusen und grünen Schürzen, die in der Sonne leuchten, zwischen all der Pracht des Festumzugs der Sudetendeutschen fallen sie mächtig aus dem Bild.

Bereits am Tag zuvor ist die junge Gruppe aus Tschechien in der Schwabenhalle anzutreffen. Da ist Pavel Bobek, 25 Jahre. Er hat schwarze, lockige Haare, studiert derzeit Politik in Berlin, erklärt er. Und muss darüber gleich schmunzeln, weil das so gut passt zum deutsch-tschechischen Jugendprojekt, das sie hier vorstellen. Da ist Monika Zeniskova, 28, Projektmanagerin bei einer Nichtregierungsorganisation, die ihren komplexen Namen sofort buchstabiert und die Sonnenbrille locker in die Haare geschoben hat. Und da ist Tereza Prazska, 24, Jurastudentin aus Pilsen, die zwei Semester an der Uni Bayreuth verbringt. Alle sprechen fließend deutsch und haben sich um ihren Stand in der Halle gruppiert.

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Zusammen mit der Sudetendeutschen Jugend veranstaltet die tschechische Gruppe Sojka jedes Jahr Zeltlager. Sojka heißt Eichelhäher. Ein Vogel. Und Vögel kümmern sich bekanntermaßen wenig um Grenzziehungen. An Ostern campieren Jugendliche beider Länder zusammen in Tschechien, im Sommer im oberpfälzischen Gaisthal auf deutscher Seite. Seit 20 Jahren geht das mittlerweile so. An den Stellwänden heften Fotos: Darauf sitzen junge Leute am Lagerfeuer, spielen Gitarre, verstecken sich in Badeklamotten hinter einer Europafahne. Ein Foto zeigt eine Wanderung bei Nacht, der Nacht des tschechischen Beitritts zur EU. Wer Deutscher ist, wer Tscheche, erkennt man nicht.

Das grenzüberschreitende Projekt ist beiden Seiten zur Herzensangelegenheit geworden. "Die Atmosphäre ist etwas Besonderes, ich könnte mir nichts anderes vorstellen", sagt Pavel. Jugendliche zelten in Gaisthal seit 61 Jahren. Früher kamen nur Sudetendeutsche. Nachdem die Mauer fiel, luden die Deutschen ihre Kollegen aus dem Nachbarland ein. Heute ist das Verhältnis 50:50, beide Sprachen werden gesprochen, alles übersetzt.

Einige Vokabeln bleiben hängen. Katharina Ortlepp war bereits drei Mal dabei, "zwei Mal in der Küche, einmal als Betreuerin", sagt sie. Da lerne man etwas "Zeltlager-Tschechisch": Dobrden heißt guten Tag, Ticho heißt Ruhe. "Das ist sehr wichtig", berichtet Katharina amüsiert. Denn das Zelten lockt jedes Mal um die hundert Teilnehmer an, je nach Altersgruppe zwischen acht und 16 Jahren. Das ergibt eine Menge Lärm. Viele Jugendliche kommen immer wieder, sagt Tereza. "Es macht Spaß, wir sind gute Freunde geworden." - Freundschaft heißt P(r)átelství.

Ein älterer Herr kommt am Stand vorbei. "Seid's ihr die Sudetendeutsche Jugend?", fragt er. Nein, sie seien aus Tschechien, erklären die jungen Leute. Der Besucher ist irritiert. "Ah so!", sagt er und geht. Die problematische Vergangenheit, da ist sie wieder. "Für uns spielt sie aber nur eine Nebenrolle", sagt Pavel. "Uns sind die Gegenwart und die Zukunft lieber."

Einen neuen Zugang zur Vergangenheit, zur Schuld der Deutschen, zur Vertreibung aus der Heimat der Eltern und Großeltern sucht auf diesem Treffen auch die Sudetendeutsche Jugend. Die Gruppe hat zu einer kleinen Konferenz geladen. Eine Handvoll Leute ist gekommen, darunter einige mit silbergrauen Scheiteln. Die Jugendlichen stellen ihre "Politische Erklärung" vor, eine Art Grundsatzprogramm.

Sie hätten bei der Ausarbeitung viel Pizza gegessen und viel diskutiert, erzählen sie. Das Ergebnis: eine klare Absage an Nationalismus, ein Eintreten für Menschenrechte. Sie möchten eine "Brücke zwischen Deutschen und Tschechen" sein, ein "weltoffener, geschichtsbewusster und kultureller Jugendverband" mit einem Bekenntnis zu den "heutigen Außengrenzen der Bundesrepublik Deutschland". Punkte, die unter den Zuhörern Debatten hervorrufen. Einzelne kritisieren die Festlegung auf die heutigen Außengrenzen, andere, dass Eigentumsfragen für die Jugendlichen den Dialog mit den Tschechen nicht behindern sollen. Die Jugendlichen kontern: "Wir sehen das aber so! Dass wir unseren eigenen Kopf haben, ist nichts Neues!"

Abends spielt die politische Debatte keine Rolle mehr. In der Halle sind Tische und Bänke aufgestellt, Sojka und die deutschen Jugendlichen feuern Bayern München im Champions-League-Spiel an. Mit Monika lässt sich gut über Sport plaudern. "Tschechen lieben Fußball und Eishockey. Aber wir verlieren immer", sagt sie und lächelt, die Sonnenbrille hat sie noch immer in den Haaren, und in puncto Eishockey irrt sie sich gewaltig.

Trotz des Haderns der Großeltern und der Eltern mit dem Nachbarland kommen die jungen Leute offenbar gut miteinander aus: "Die junge Generation kann sich unbefangener begegnen, wir müssen uns nichts verzeihen, wenn wir am Lagerfeuer zusammensitzen", meint Katharina. Ihr Ideal sei eine gemeinsame Geschichtsaufarbeitung, die Schuld und Leid beider Seiten klärt.

Einen Schritt Annäherung gibt es am nächsten Tag. Der Festumzug zieht in die Halle ein, es spielen "Kurt Pascher und seine Böhmerwälder Musikanten". Mit dabei: die Jugendlichen aus Tschechien, die Europafahne in den Händen. Die Besucher applaudieren, einen Fehler entdecken sie offenbar nicht. Von Michael Kerler

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