Herr Klauer, wir haben Sie in Südafrika gefunden. Sind Sie schon bei einem Spiel der Fußball-WM gewesen?
Wolfgang Paul Klauer: Ich bin ein "Fußballmuffel", also einer von denen, die sich zwar 2006 im Fernsehen ein paar Spiele angesehen haben, aber die auch nur teilweise, und seither gar keines. Außer jetzt, eben das Eröffnungsspiel mit Südafrika, dann am Sonntag das deutsch-australische ("wir" waren wirklich gut!) und in Zukunft (solange wir und/oder Südafrika dabei sind) eben die Begegnungen "unserer Buam" oder eben von "Bafana Bafana", wie die Nationalelf hier genannt wird.
Sie sind 1995 ziemlich im Unfrieden vom DGB geschieden. Nagt das eigentlich noch an Ihnen?
Wolfgang Paul Klauer: Ihr Gedächtnis "schwächelt", was meinen Abschied 1994/95 vom nordschwäbischen DGB betrifft. Ich bin uneingeschränkt Gewerkschafter. Klar war, dass irgendwann bei anhaltender Finanzmisere des DGB unser doch relativ kleiner DGB in Nordschwaben schon aus Kostengründen in einen größeren Verband integriert werden musste. Das "Wie und Wann" dieser Verschmelzung bereits zum Jahresende 1994, nach meiner im Herbst 1993 erfolgten Wiederwahl für eine weitere Amtszeit und anschließender Bestätigung durch den Landesvorstand, das war für mich ärgerlich. Ich war anschließend, in enger Absprache mit dem DGB-Landesvorstand, ein gutes halbes Jahr lang in Augsburg in der DGB-Sozialrechtsstelle als deren Leiter tätig, bevor ich, auf Vorschlag des DGB-Bundesvorstands übrigens, nach Pretoria ging. Meinem Kollegen, dem Augsburger DGB-Vorsitzenden Helmut Jung, habe ich stets meine Solidarität versichert und bekundet, dass ich ihm in keiner Weise "in die Suppe spucken" werde und mich nie in seine Belange und Aufgaben einmischen würde.
Danach war die Zeit in Südafrika an der deutschen Botschaft beruflich allerdings besonders schön und erfolgreich: Die Zusammenarbeit mit leitenden Mitarbeitern diverser südafrikanischer Ministerien und teilweise den Ministern selbst, das Kennenlernen der "Ersten Liga" südafrikanischer Gewerkschafter und die Möglichkeit, an mehreren südafrikanischen Gesetzesentwürfen bereits vom Referentenentwurf an mitzuarbeiten, seien als Beispiele genannt. Auch für die Kontakte der Botschaft mit den Kirchen war ich zuständig - beispielsweise habe ich damals alle katholischen Bischöfe Südafrikas, viele Würdenträger der evangelisch-lutherischen Kirche in Südafrika kennengelernt und auch den anglikanischen Erzbischof Desmond Tutu persönlich getroffen. Die Zusammenarbeit mit der deutschen "Entwicklungshilfe" (heißt "wirtschaftliche Zusammenarbeit"), mit anderen Botschaften (besonders denen der USA und Mosambiks) und internationalen Organisationen (wie dem "Internationalen Arbeitsamt", ILO) war ebenfalls reizvoll.
Wie sind Sie denn eigentlich nach Südafrika gekommen?
Wolfgang Paul Klauer: Ich - und das gilt entsprechend auch für meine Frau - bin ein recht untypischer "Auswanderer". Ich war von 1995 bis 2000 als Referent an der deutschen Botschaft in Pretoria tätig, also als Diplomat hier und bin dann "hängengeblieben" in einer Art privatem Vorruhestand, mit bisher einem weiteren Wohnsitz (dem kleineren) in München. Wir sind so eher keine "Auswanderer", sondern mehr so eine Art "Dauertouristen".
Das klingt ja, als hätten Sie einen großen Wurf gemacht. Was hält Sie denn in Pretoria?
Wolfgang Paul Klauer: Viele Gründe. Darunter das Wetter, das kaum zu überbieten ist mit 300 Sonnenscheintagen und Sommern, die so heiß sind, dass man sich auf den Winter freut und Wintern, die nachts so kalt werden, dass man auf den Sommer hofft. Heute in der Nacht soll es unter null Grad gehen - aber am morgigen Mittag können Sie sich wieder einen Sonnenbrand holen! Das nächste Mal regnen wird es wahrscheinlich gegen Ende September. Unser Garten ist dennoch richtig grün, weil wir eine Quellfassung in knapp 100 Metern Tiefe haben und damit mehr als genug Wasser.
Hilft das alles auch gegen Heimweh, das doch sicher auch Sie ab und zu überkommt?
Wolfgang Paul Klauer: Pretoria beherbergt einige Tausend Deutsche. Also gibt es beim Metzger (Metzgerei "Alma", ein Herr Vogetseder mit seiner Familie, kommt aus Österreich, spricht - entgegen preußischen Vorurteilen, natürlich deutsch) die besten Weißwürste, die ich je bekommen habe und auch einen prima Leberkäs'. Süßer Senf dazu ist keine Frage, gibt's auch sonstwo. Und Brezen vom deutschen Bäcker ("Die Brotstube"). Und das geht so weiter: Unser Kfz-Mechaniker, ein Herr Lettau mit eigenem Betrieb, ist Deutscher (aus Namibia!). Wenn die Waschmaschine kaputtgeht, kann man unter Miele, Siemens, Bosch oder AEG und einem Dutzend anderer Marken seine Auswahl treffen. Mit einem Wort übertrieben und karikiert: "Sauerkraut und was dazugehört, geht in Pretoria nicht aus!"
Können Sie uns Ihre Wahlheimat ein wenig näherbringen?
Wolfgang Paul Klauer: Pretoria, oder "Tshwane", wie es neuerdings offiziell heißt, ist eine Stadt von der Einwohnerzahl Hamburgs. Es gibt hier auch viele Engländer, Griechen, Portugiesen, Italiener und so fort. Und dass sich hier verschiedene schwarze Völkerschaften zahlenmäßig in der Mehrheit befinden und sich zu Recht, natürlich und selbstverständlich, noch mehr "zu Hause fühlen", das weiß man sicher in Deutschland mittlerweile überall.
Wie lebt es sich in Südafrika?
Wolfgang Paul Klauer: Ich, zum Beispiel, mähe höchst ungern Rasen. So haben wir einen Gärtner, der das für mich macht - er kriegt mehr bei uns an Bezahlung als er anderswo früher bekam oder kriegen würde, und dennoch gehen wir deswegen nicht bankrott. Radio? Wir kriegen - ohne Internet gerechnet - BR1 und BR3 'rein. Fernsehen haben wir das Erste, Zweite, RTL, 3sat, Sat1, Pro7 und die DW, alle per Satellit. Zeitung? Nein, ich schaue mir die aktuell nur im Internet an und manchmal die "Pretoria News". Also: "Ich lebe extrem deutschlastig." Darum nenne ich mich auch "Dauertourist". Und auch, weil wir von Südafrika oder von München aus recht viel in der "sonstigen Welt" herumkommen. Wir reisen eben gerne.
Was gefällt Ihnen denn besonders am südlichen Ende des afrikanischen Kontinents?
Wolfgang Paul Klauer: Südafrika ist ein riesiges, äußerst vielfältiges Land. Man sollte die diversen Ecken nicht in einen Topf werfen. Die Entfernung Pretoria-Kapstadt (Luftlinie) entspricht etwa der von München nach Helsinki. Dass das Land auch heute noch, nicht allein in Folge der früheren, menschenverachtenden "Apartheid", zerrissen ist, brauche ich sicher nicht zu unterstreichen. Ich kann Ihnen vom "Highveld" berichten, wie die Gegend hier genannt wird (Pretoria liegt in der Stadtmitte 1350 m über dem Meeresspiegel, unser Haus hier genau auf 1505 Metern, Johannesburg sogar nochmals um die 300 Meter höher). In ein paar Wochen können Sie in den Drakensbergen (also Drachenberge, weil sie so schroff sind) wahrscheinlich wieder an einigen Tagen Ski fahren - und am selben Tag, mit so drei Stunden Autofahrt dazwischen, im Indischen Ozean Wellen reiten oder etwas nördlicher an Korallenriffen tauchen und den Weißen Hai besuchen.
Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht reisen?
Wolfgang Paul Klauer: Eines meiner (vielen) Hobbys ist die Fotografie. Südafrika ist für jeden Fotoamateur ein "Paradies". Tiere in den Nationalparks oder auch farbenfroh gekleidete Menschen, der oftmals lustige Mischmasch der Kulturen bis hin zur Architektur, sind tolle Themen.
Verfolgen Sie die politischen Vorgänge in Deutschland und wenn ja, welchen Eindruck haben Sie davon?
Wolfgang Paul Klauer: Ob wir die deutsche Politik verfolgen? Nun, wir sind regelmäßig, zwei- bis dreimal im Jahr in Deutschland. Zuletzt zum Beispiel von Februar bis Anfang April. Also: Aber klar! Auch an den diversen Bundes- und Landtagswahlen haben wir teilgenommen - nur einmal lief es mit der Zusendung der Briefwahlunterlagen schief. Und einen SPD-Ortsverein Johannesburg-Pretoria haben wir hier auch (allerdings wegen einem Wechsel im Vorsitz aktuell im "Dornröschenschlaf"). Eindruck von der deutschen Politik? Manche Kleinlichkeiten der deutschen Politik, das "Hickhack" um Sachfragen des Alltags, das ist aus der Ferne wirklich nicht mehr nachvollziehbar.
Aber größere Ereignisse, wie der Bundespräsident-Köhler-Abgang: ein Trauerspiel. Aber ein Präsident, der Rechtfertigung von Wirtschaftskriegen laut andenkt, ist trotz einer gewissen Popularität nicht das Gelbe vom Ei. Ein im vorsichtigen Umgang mit der deutschen Geschichte und ihrer sachgerechten Aufarbeitung erfahrener Mann (sprich: Gauck) wäre ein echter Fortschritt, über jede Parteipolitik hinaus. Das Geschehen um den Euro und seine Stabilität beziehungsweise die Verschuldung staatlicher Stellen verfolgen wir ebenfalls genau. Der südafrikanische Rand ist recht stark, trotz seiner Inflationsrate (längerfristig gerechnet meist über sechs Prozent). Wir haben kein südafrikanisches Einkommen und die Euroschwäche lässt so auch uns "kräftig zur Ader".(ben/-fd-)