Ichenhausen Sie gehören zu den Vergessenen der deutschen Nachkriegsgeschichte – die Displaced Persons. „Am falschen Ort“, wie das englische Wort displaced übersetzt werden kann, lebten in den ersten Jahren nach 1945 rund sieben Millionen Menschen. Unter ihnen waren etwa 200000 Juden. Ihr Schicksal ist im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert, die meisten Spuren sind verwischt. Auch Historiker haben erst vor 20 Jahren begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Einer von ihnen ist Jim G. Tobias. Er sprach am Freitagabend in der ehemaligen Synagoge in Ichenhausen. Denn auch im Landkreis Günzburg lebten von 1945 bis 1951 Tausende von jüdischen Displaced Persons. In Leipheim und in Krumbach.
Leben mitten unter den Tätern
Die meisten der 200000 Juden waren Überlebende der Vernichtungslager. Andere waren vor den Kommunisten und antisemitischen Gewaltexzessen in osteuropäischen Ländern geflohen. Der Staat Israel war noch nicht gegründet, viele Länder lehnten es ab, Juden in größerer Zahl aufzunehmen. So blieb den Displaced Persons (DP) nichts anderes übrig, als in Deutschland zu bleiben – „mitten unter den Tätern“, wie Jim G. Tobias sagte.
Der Referent ist Leiter des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er ist Mitverfasser der ersten Studie über die schwäbischen DPs, erschienen erst vor einigen Monaten. Tobias war auf Einladung der Stiftung ehemalige Synagoge nach Ichenhausen gekommen, begrüßt hatte ihn Alt-Landrat Dr. Georg Simnacher, der Vorsitzende des Stiftungsrates. Nur wenige Zuhörer waren erschienen, um den Vortrag und damit „eine Auffrischung vergessener Tatsachen auch im Landkreis“ zu hören, wie Simnacher erklärte.
Etwa 7500 jüdische DPs lebten in den schwäbischen Camps Leipheim, Neu-Ulm und Lechfeld bei Augsburg. 2000 weitere Juden waren auf mehrere Communities verteilt. Das erste und mit knapp 3200 Menschen größte Lager war auf dem Leipheimer Fliegerhorst eingerichtet worden, um die 100 Juden wurden in zwei Gebäuden in Krumbach untergebracht. Camps und Communities waren „reine Wartesäle“, wie Tobias betonte. Die Juden harrten aus, bis sie nach Israel, in die USA oder nach Australien auswandern konnten. Trotzdem entwickelte sich rasch ein erstaunliches geistiges, kulturelles, bildungspolitisches, sportliches und vor allem demokratisches Leben in den Lagern. „Dabei mangelte es an allem“, erklärte der Referent. Nahrung, Medikamente und Kleidung waren knapp, das Lager in Leipheim platzte aus allen Nähten.
Trotzdem: Binnen weniger Monate waren auf dem Fliegerhorst ein Kindergarten, eine Volksschule, eine berufsbildende Schule und sogar eine Hochschule aufgebaut. Es gab eine eigene Zeitung, eine Bibliothek, Theater-, Chor- und Schachklubs. Die Fußballer von Maccabi Leipheim kickten erfolgreich in der 1. jüdischen Liga. Eine eigene Polizei schützte zusammen mit US-Soldaten das Lager vor befürchteten Übergriffen deutscher Antisemiten. Und es gab ein demokratisch gewähltes Komitee, das die Belange der Menschen regelte.
Bei aller Not gab es im Lager in Leipheim einen wahren Babyboom. Viele der Eltern verstanden das als Zeichen: „Seht her, es ist den Nazis nicht gelungen, das ganze jüdische Volk auszurotten“. Arbeiter fuhren von Leipheim nach Ichenhausen, um in der einstmals zweitgrößten jüdischen Gemeinde Schwabens ein Denkmal für die Opfer des Nazi-Terrors zu errichten und den jüdischen Friedhof zu renovieren. Sie führten ein Banner mit sich, auf dem zu lesen war: „Trotz allem, das jüdische Volk lebt“. Gläubige waren in Leipheim in der Minderheit. Angesichts der Vernichtung von sechs Millionen Juden war bei den meisten der Glaube an Gott nachhaltig erschüttert. Erst im Juni 1950 wurde das Camp auf dem Fliegerhorst geschlossen. Die Unterkünfte in Krumbach blieben bis 1951 erhalten. Die meisten Juden wanderten aus. Nur ein kleiner Teil beschloss, trotz allem in Deutschland zu bleiben – etwa in Augsburg. Sie bildeten die Keimzelle der heutigen jüdischen Gemeinden. Verschwindend klein ist ihre Zahl noch immer. Das Erbe unseliger Zeiten wirkt weiter nach.
„Nach der Shoa“ – jüdische Displaced Persons in Bayerisch-Schwaben 1945 - 1951“ wurde verfasst von Peter Fassl, Markwart Herzog und Jim G. Tobias. Erschienen ist das Buch als Band 5 der Reihe „Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben“. Erschienen bei der UVK Verlagsgesellschaft Konstanz, ISBN 978-3-86764-341-2. Info im Internet unter www.nurinst.org