Zue Obermedlingen. Sie pflegen hohe Ideale, sprechen eine eigentümliche Sprache, folgen mittelalterlichen Riten und nehmen nur Männer auf. Die Rede ist von der Tafelrunde der Ritter zue Haldenwang, gegründet anno Domini 1985. Im Eismond, also im Januar, trafen sie sich wieder zum monatlichen Arbeitskapitel in ihrer Hausburg zue Obermedlingen.
Neun Ritter und ein Knappe gehören momentan zur Tafelrunde. Alle tragen wohlklingende Namen, die alte Rittergeschlechter wieder aufleben lassen. In ihrem profanen Leben gehen die Männer ganz normalen Berufen nach, haben Familie, wohnen in Leipheim, Kötz, Jettingen oder Niederstotzingen, sind im Alter zwischen 22 und 78 Jahren. Doch in der Burg werden sie zu Rasso von der Wetterau, Hartmann von Dillingen, Rudolf von Montfort oder Johann von der Pfalz. Ulrich der Pfettner aus Augsburg ist ihr Großmeyster.
Mit einem freundlichen „Gott zum Gruße“ gibt man sich zur Begrüßung die Hand. Zum gemeinsamen Mahl, das von Heinrich von Stain gekocht und an der langen Tafel im Remter (Speisesaal) serviert wird, tragen die Recken Wams, weißes Hemd und dunkle Hose. Es darf auch eine Jeans sein. Man lässt sich nieder, Pfaffe Ulrich Cirksena spricht ein Tischgebet. Statt „Guten Appetit“ heißt es „Labung“.
Auf dem Tisch steht Fleisch vom toten Tier, in diesem Fall Fleischküchle, Kartoffelbrei, Blaukraut und Soße. So gestärkt legen die Ritter ihre große Rüstung an. Dazu gehören Rittermantel und ein schwarzes Barrett als Kopfbedeckung, eventuell ein Schwert. „Eine Eisenrüstung haben wir nicht, wir sind keine schlagende Verbindung und machen auch keine Schaukämpfe oder Ritterturniere“, erklärt Johann von der Pfalz. „Uns geht es um die ritterlichen Werte“, ergänzt ein anderer. „Auf einen Tropfen Wahrheit ausgequetscht – wir wollen ein besserer Mensch werden.“
Nicht nur innerhalb der Tafelrunde, sondern im alltäglichen profanen Leben auch. Der Ritter ist mehr als ein reitender Soldat des Mittelalters. Mit ihm verbindet man Werte wie Freundschaft, Brüderlichkeit, Gemeinsinn, Hilfsbereitschaft und Toleranz. Dafür steht die Tafelrunde der Ritter zue Haldenwang, einer der 19 Bünde im Deutschen Ritterbund.
Der Herold verliest, wer alles angesprengt kam und bittet sich vom Steiß zu erheben: Feierlich werden drei Kerzen entzündet. Eine Gelbe für den Glauben, eine Rote für die Liebe und eine Blaue für die Treue. Gemeinsam sprechen Ritter samt Knappe ihren Wahlspruch: „In Treue fest und stark im Glauben, der Liebe stets ein offen Herz.“
Nun ist der Pfaffe mit einem Gebet an der Reihe, der Kanzler bringt gar viel Geschreibsel zu Gehör. Doch auch hier gilt: „Das Internet spart manches Kreuzerle an Porto ein.“ Leider hat der Knappe die Chronica (Protokoll der letzten Sitzung) daheim vergessen, doch die Recken wollen Nachsicht walten lassen. Das Bundeslied wird zu Gehör gebracht, ehe Hartmann von Dillingen eine ausführliche rednerische Zeitreise in die Ständeordnung des Mittelalters gibt.
Nach der Lüftung, gemeinhin Pause genannt, macht der große Humpen, vom Kellermeister mit einem wohlfeilen roten Tropfen gefüllt, die Runde. Jeder Ritter spricht seinen persönlichen Wahlspruch, hat einen Trinkspruch parat. Man lobt: „Der Trunk ist fürtrefflich nach dieser Atzung.“ Ein Aufdieweltkommenstag wird noch besungen, der Klingelbeutel macht die Runde, er wird wacker gefüllt mit Hellerlein und Spießen. Nein, es sind schon Euros drinnen.
Das Kapitel geht dem Ende zu. Die Kerzen werden gelöscht, der Burghauptmann öffnet die Burgtore, eine letzte Warnung vor Raubrittern auf dem Heimweg ertönt. „Ein Gott zum Gruße Euch“ geleitet einen hinaus in die frostig kalte Eismond-Nacht.