Breitenthal Restauratorin Nicola Spies, die an diesem Maivormittag die Arbeiten am Breitenthaler Pfarrhof vollendet, blickt hinauf zum Himmel. Ein dunkles, bisweilen fast bedrohlich wirkendes Grau, in das sich immer wieder wuchtiges Blau schiebt. Die Sonne: Lange verschwunden, dann immer wieder da. Spiel der Kräfte am Himmel über Mittelschwaben: Wohl auch ein Anblick für die bewegten Zeiten der Gegenwart, Kirchenreform, gesellschaftliche Umbrüche, das sich rapide und fundamental verändernde Landleben. Vielleicht wird die Sanierung des Breitenthaler Pfarrhofs dafür auf eine ungewöhnliche Weise zum Symbol. Das Werk ist vollendet, am Samstag, 26. Mai, folgt mit dem Gottesdienst ab 18.30 Uhr und dem anschließenden Empfang am Pfarrhof das offizielle Finale, eine besondere Feierstunde. Mit Domkapitular Harald Heinrich komme, so Bucher, ein hoher Vertreter der Diözese. Aber wie viele Fragen werden sich über die Feierstunde hinaus stellen an diesem Abend? Fragen zur Kirche und ihrer Zukunft?
Eine beeindruckende Zweisamkeit
Blick hinauf von der Hauptstraße zu dem in Weiß und sandfarben gestalteten Gebäude, im Hintergrund die Kirche. Kein Zweifel. Die 1785 erbaute Kirche und der Pfarrhof aus dem Jahr 1770, gewissermaßen der ältere Bruder der Kirche: Eine beeindruckende Zweisamkeit, wohl eines der schönsten Ensembles in der Region. Dieser Anblick könnte wohl auch damals, Ende des 18. Jahrhunderts, so gewesen sein, sagt Klaus Bucher. Bucher, Jahrgang 1966, aus Illerzell stammend, ist seit rund zehn Jahren Pfarrer in Breitenthal und seit 2009 Dekan für den Bereich des südlichen Landkreises Günzburg. Kein leichtes Amt in diesen Tagen, in denen im Bistum Augsburg über die Kirchenreform, die künftige Struktur der Pfarreien und die Rolle der Laien im kirchlichen Leben mit geradezu wuchtiger Vehemenz debattiert wird. Bucher gilt als entschiedener Befürworter der Linie von Bischof Konrad Zdarsa. Das bringt ihm mitunter reichlich Kritik ein. Bucher sagt aber auch: Die Restauration des Pfarrhofs sei ein klares Bekenntnis der Diözese zur „Kirche im Dorf“. Doch in welchen Dörfern noch und zu welchen Bedingungen? Die Diskussion über die Zukunft der Kirche scheint in diesen Tagen erst am Anfang zu stehen und vielleicht ist die Restaurierung des Breitenthaler Pfarrhofs dafür ein bemerkenswertes Symbol.
Auch ein Symbol dafür, was Kunst in vergangenen Jahrhunderten leisten konnte und was immer mehr in Vergessenheit gerät. Das Gespräch mit Restauratorin Nicola Spies lässt dies erahnen. Die Weißenhorner Restaurationswerkstätten Amann GmbH gestalteten die Außenfassade des Pfarrhofs malerisch mit scheinbar architektonisch gebaut wirkenden Elementen. Ein Spiel mit der Illusion. Malerei wie gebaut sozusagen. In Freskotechnik. Der Begriff „Fresken“: Er wird oft pauschal für Wand- oder Deckengemälde gebraucht. Immer weniger Menschen ist heute bewusst, welch komplizierte Technik dahinter steckt. Diese in ihren Ursprüngen ins Altertum zurückreichende Maltechnik, bei der die Farben auf den nassen Putz aufgetragen werden. „Der Malvorgang ist unwiederholbar“, heißt es in diversen Kunstlehrbüchern dazu. Man ahnt, über welche Schnelligkeit und welches Geschick der Künstler beim Umgang mit dieser Technik verfügen muss. Legendäre Künstler wie Michelangelo wurden durch das virtuose Beherrschen dieser Technik berühmt. Aber wer nimmt sich im schnellen Kunstleben der Gegenwart noch Zeit für dieses Geduldsspiel? An diesem Vormittag steht am Pfarrhof eine besondere Vollendung bevor. „Domus parochi est domus parochiae – das Haus des Pfarrers ist das Haus der Pfarrei“: Diese vielsagenden und gleichsam hintersinnigen Worte sollen in Freskotechnik an der Fassade platziert werden. „Eine Anregung von Monsignore Ludwig Gschwind“, sagt Klaus Bucher. Gschwind war 24 Jahre Dekan und Vorgänger Klaus Buchers in diesem Amt. Pfarrer – Pfarrei: Vielleicht auch Worte, die den viel diskutierten Umbruch dieser Tage, das Schwanken der Debatte und die Suche nach einem neuen kirchlichen Gleichgewicht andeuten. Bei der Freskotechnik würden die Schwankungen des Wetters eine gewichtige Rolle spielen, erklärt Restauratorin Spies. Sowohl große Feuchtigkeit als auch große Hitze könnten dem Künstler bei seiner Arbeit ernsthafte Schwierigkeiten bereiten.
Es wird wohl ein Nachtragshaushalt fällig
Die Sanierung des Pfarrhofs wird nach Auskunft von Bucher wohl rund 470000 Euro kosten. Das sind etwa 60000 Euro mehr als zunächst angesetzt. So müsse mit der Diözese wohl ein Nachtragshaushalt erstellt werden. Das Problem bei der Sanierung sei vor allem der Dachstuhl gewesen, erläutern Bucher und Kirchenpfleger August Blum. Er sei massiv beschädigt gewesen, hier sei mehr zu sanieren gewesen als zunächst vermutet. Erneuert wurden überdies die 38 Fenster und die komplette Außenfassade. Umfassend war ferner die energetische Sanierung (Dämmung und Erneuerung der Ölheizung). „Die Eisblumen im Gang während des Winters dürften damit wohl der Vergangenheit angehören“, sagt Bucher dazu. Beseitigt wurden die hochgewachsenen Haselnussstauden an der Ostseite des Pfarrhofs. Das Gebäude ist damit bereits von Weitem sichtbar und bildet mit der Kirche ein bemerkenswertes Ensemble. Neue Stauden und Hecken wurden gepflanzt. Sie sollen aber allenfalls etwa zwei Meter hoch werden, um die Sicht auf das Ensemble nicht zu beeinträchtigen. Neu gestaltet wurde die Zufahrt von der Hauptstraße, ferner wurden neue Parkplätze angelegt. Die Sanierung wird durch verschiedene Zuschüsse mitfinanziert. Die Gemeinde Breitenthal zahlt 20000 Euro, die Bayerische Landesstiftung 15000 Euro. Hinzu kommt ein Spendenbeitrag von 25000 Euro. Insgesamt 60 Prozent der Kosten werden aus Kirchensteuermitteln finanziert. Bucher geht davon aus, dass auch noch Zuschüsse vom Landkreis, vom Bezirk und über das Amt für Ländliche Entwicklung kommen. Vielleicht gebe es auch noch eine Unterstützung von der Viermetz-Stiftung, bei der der ehemalige Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel Kuratoriumsmitglied ist.
Bucher würdigt die Leistung von zahlreichen Breitenthalern, die sich mit insgesamt 2500 freiwillig geleisteten Stunden in die Sanierung eingebracht hätten. Einen gewichtigen Anteil daran hat Kirchenpfleger August Blum. Bürgermeisterin Gabriele Wohlhöfler freut sich über die Sanierung, die für viele Breitenthaler Symbolwirkung haben könnte.
Wie könnte diese Symbolwirkung aussehen? Gedanken an die Worte an der Außenfassade des Pfarrhofs: Das Haus des Pfarrers ist das Haus der Pfarrei. Wie mag die Zukunft der katholischen Pfarreien aussehen? Und was wird der Umbruch für die Menschen bedeuten?
Ein Blick hinauf zum Himmel, auf das sich ineinander verschiebende dunkle Grau und Blau, in die kommende und gehende Sonne. Man ahnt, wie viel noch offen ist im Spiel der Kräfte in diesen Zeiten.