Der Missbrauchsskandal am Maristeninternat Mindelheim hat eine größere Dimension: Die Staatsanwaltschaft Memmingen erklärte gestern, der frühere Leiter des Internats habe mehrere weitere Taten begangen. Von Johann Stoll

Der Missbrauchsskandal am Maristeninternat Mindelheim hat eine weit größere Dimension als bisher bekannt. Die Staatsanwaltschaft Memmingen erklärte gestern auf Anfrage der Mindelheimer Zeitung, der frühere Leiter des Internats, Frater G., habe mehrere weitere Taten begangen. Dies hätten umfangreiche Ermittlungen in den zurückliegenden Wochen ergeben.
Aus "unterschiedlichen Gründen" wird es aber nicht zu einer Anklage kommen. Einige Taten seien von geringerer Schwere gewesen, hätten sich "an der Schwelle zum sexuellen Missbrauch" befunden, sagte Oberstaatsanwältin Renate Thanner. Hauptproblem für die Justiz ist allerdings die Gesetzeslage. Alle Taten sind verjährt, sodass der Täter straffrei davonkommen wird.
Die Opfer seien zur Tatzeit zwischen 14 und 16 Jahre jung gewesen, sagte die Oberstaatsanwältin weiter. Die Taten gehen auf die Jahre 2001 bis 2007 zurück. 2007 war gegen denselben Frater bereits ermittelt worden. Damals war dieser wegen eines Missbrauchsfalles zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt worden. Diese Verfehlung hatte der Frater eingeräumt. Der Fall war aufgrund der Selbstanzeige des Fraters und seines Geständnisses quasi auf dem Bürowege erledigt worden. Zu einem Hauptverfahren war es nicht gekommen. Sein Opfer war 18 Jahre jung und damit volljährig.
2007 war auch die Diözese Augsburg informiert worden. Das bestätigte Sprecherin Kathi Marie Ulrich gegenüber unserer Zeitung. "Da der Orden der Maristen rechtlich unabhängig ist und nicht der Diözese Augsburg untersteht, hat der damalige Generalvikar den Orden nach Kenntnis des Falles unverzüglich aufgefordert, den Frater von seinen Aufgaben zu entbinden."
Nach MZ-Informationen war die Diözese gleichwohl nicht untätig geblieben. Sie sorgte für einen Fachanwalt für den Internatsleiter, der dann auch für die geräuscharme Abwicklung des Falles gesorgt hat. Derselbe Anwalt vertritt den Frater auch jetzt wieder.
Weder Eltern noch Schule wurden informiert
Der Maristenorden hatte im September 2007 sofort reagiert und den Frater von seinem Posten abgezogen. Er wurde in ein Maristenkloster nach Recklinghausen versetzt, wo er keinen Kontakt mehr zu Kindern und Jugendlichen bekam. Weder Eltern noch Maristenschule noch die Öffentlichkeit wurden über die wahren Gründe der Abberufung informiert.
Laut Staatsanwaltschaft Memmingen hatte der Internatsleiter bei seiner Verurteilung 2007 empört jeglichen weitergehenden Verdacht von sich gewiesen, er könne sich auch an Minderjährigen vergangen haben. Inzwischen ist die Ermittlungsbehörde sicher: Es hat weitere Missbrauchsfälle an Minderjährigen gegeben. So habe der Internatsleiter ihm unterstellte Jugendliche wiederholt unsittlich berührt und sie zu Oralverkehr aufgefordert.
Die Darstellung des Maristenordens, wonach der Missbrauch zu "fast 100 Prozent" nie in den Räumen des Internats geschehen ist, sondern auf einer Freizeit in Liechtenstein, präzisierte die Staatsanwaltschaft gestern. Zwei Taten seien im Internat selbst geschehen. Das Maristenkolleg sei nicht betroffen.
Das jüngste Opfer sei unter 14 Jahre jung gewesen. Noch sei die Akte nicht abschließend geschlossen. Weitere ehemalige Internatszöglinge sollen befragt werden, sagte Oberstaatsanwältin Renate Thanner. Es sei aber sehr schwierig, den Aufenthalt der jungen Leute ausfindig zu machen. Ein Opfer hatte sich aufgrund der Berichterstattung in den Medien an die Polizei gewendet.
Die Oberstaatsanwältin bedauerte nachdrücklich, dass einige Opfer erst jetzt ausgesagt hatten mit der Folge, dass die Fälle nun juristisch verjährt sind. Mit Beginn der Volljährigkeit eines Opfers kann ein Täter bis zu fünf Jahre danach verurteilt werden. Danach kommt er straffrei davon. Der eine oder andere habe sich leider zu spät zu einer Aussage besonnen.
Schon 2007 hatten Polizei und Staatsanwaltschaft ehemalige Internatsschüler befragt. Hätten sie damals bereits ausgepackt, wäre der Frater nicht ungeschoren davongekommen. Warum die Opfer damals nicht den Mut gefunden hatten zu sprechen, darüber mochte Thanner nicht spekulieren.
Maristen hatten keinen Kontakt mit der Staatsanwaltschaft
Zur Zusammenarbeit mit Verantwortlichen des Maristenordens mit Polizei und Staatsanwaltschaft sagte Thanner, es habe ein Treffen von Provinzial Europa West, Bruder Brendan Geary, dem Deutschland-Beauftragten Alois Engel sowie der Kripo Memmingen gegeben. Ein Kontakt mit der Staatsanwaltschaft habe nicht bestanden. Bei dem Treffen mit der Kripo sei ein Hüttenbuch übergeben worden. Von Johann Stoll
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