Augsburg Was manche Leute so alles wegschmeißen... Während der Arbeiten zu dem, was später das Album „Some Girls“ werden sollte, haben die Rolling Stones mehr Songs aufgenommen, als am Ende auf der Platte unterkamen. Gut, dass die „Ausschussware“ nicht wirklich im Abfalleimer landete, sondern jetzt, spät, aber immerhin, zu hören ist.
„Some Girls“ erschien im Juni 1978 und wurde überwiegend positiv beurteilt. Inspiriert von der Punk-Bewegung, hätten die Stones noch einmal zu alter Schärfe zurück- gefunden, so der allgemeine Tenor. Die üble Disco-Anbiederung „Miss you“ hat das Publikum angesichts des rockigen Rests hingenommen (manch Irregeleiteter hat das Stück vielleicht sogar gut gefunden).
In diesen Tagen ist „Some Girls“ in einer aufgehübschten Version wieder veröffentlicht worden. Ob der neue Mix tatsächlich mehr fürs Ohr bringt – darüber mögen die Akustik-Freaks in ihren Foren debattieren.
Ein echter Zugewinn aus zwölf Stücken
Für den durchschnittlichen Stones-Freund viel interessanter ist die CD, die als Bonus beiliegt. Die ist tatsächlich mal ein Bonus, ein Zugewinn. Viele der zwölf Stücke wecken wehmütige Gedanken: Schade, dass wir das nicht schon vor 33 Jahren hören durften. Das flott-fließende „Claudine“, das Country-infizierte „Do you think I really care“, das rockige „So young“ – hätte sich alles gut gemacht auf „Some Girls“. Und wie Keith Richards, vokal limitiert, aber mit Herzblut, die Waylon-Jennings-Ballade „We had it all“ interpretiert – das hat Stil. Herrlich auch das Wiederhören mit dem großen, 1985 verstorbenen Ian Stewart. Dankenswerterweise sind die meisten Stücke trotz aktueller Nachbearbeitung so gemixt, dass das Piano von „Stu“ noch gut zu hören ist. Überhaupt: Die Anmutung des Dreiviertelfertigen macht den Gutteil des Charmes dieser Zugabe-CD aus. So will man die Stones erleben: rau, ungehobelt, rumpelnd.
Demnächst goldene Hochzeit
Rechtzeitig vor Weihnachten ist Micks Resterampe übrigens so richtig am Rollen. Neben „Some Girls“ dienen die Stones aktuell auch eine DVD mit dem Mitschnitt eines Konzertes aus dem Jahr 1978 an.
Ob Jagger, Richards, Wood und Watts noch einmal persönlich zusammenfinden, wird sich wohl demnächst entscheiden. 2012 steht das Jubiläum „50 Jahre Rolling Stones“ an. Keith Richards, der Unverwüstbare, würde gerne auf den Bühnen dieser Welt feiern. „Warum nicht?“ lautet seine rhetorische Frage. Er würde sogar die Ex-Stones Bill Wyman und Mick Taylor zur großen Konzert-Party einladen.
Mick Jagger allerdings scheint der Idee eher reserviert gegenüberzustehen: „Wir haben vieles geplant, wer weiß, was tatsächlich verwirklicht wird.“ Wer ergründen will, warum Sir Mick so distanziert spricht, dem sei die Lektüre von Keith Richards’ Biografie „Life“ angeraten. Dort kommt Jagger gar nicht gut weg.
Vor dem Hintergrund ist die „Some Girls“-Bonus-CD ein Relikt aus einer vergangenen, versunkenen Epoche, als Jagger/Richards noch ein Duo und nicht nur Geschäftspartner waren.