Alexander Müller geht gerne zum Sport. Er ist jemand, der sich immer wieder überwinden kann - auch, wenn er erst abends aus der Schule aus Augsburg nach Hause kommt. Dann setzt er seine Kopfhörer auf, schließt sie an sein Hörgerät an, schlüpft in seine Trainingssachen und geht raus zum Joggen. Bei Minusgraden und knöchelhohem Schnee.
Alexander Müller ist von Geburt an gehörlos. Hinter seinem rechten Ohr sitzt ein Implantat im Schädelknochen, das es ihm ermöglicht, in Verbindung mit einem Hörgerät Töne wahrzunehmen. Ohne die Hilfe der Technik ist der 17-Jährige komplett taub. Für Alexander ist Sport wichtig. Sein Vater sagt, dadurch sei er selbstbewusster geworden. Der Schüler spielt Fußball beim SC Lindenberg und in der Bundesliga-Mannschaft des Gehörlosensportvereins Augsburg. Seit rund drei Jahren fährt er zudem Skirennen - im Februar sogar bei den 17. Winter-Deaflympics (siehe Wortweiser) in der Slowakei. Der Erfolg, dabei sein zu dürfen, wenn sich die besten gehörlosen Sportler der Welt treffen, ist hart erarbeitet. Über den Landeskader hat sich Alexander bis in das Team des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes (DGS) hochgekämpft. Seit September hat er über 30 Skitage absolviert. Meistens waren es mehrtägige Lehrgänge in Deutschland oder Österreich. Im November und Dezember sei er fast jedes Wochenende weg gewesen, erzählt Alexander. Von seiner Gehörlosen-Schule in Augsburg wird er dafür freigestellt - so lange, wie die Leistungen passen. Gelernt wird auf den Lehrgängen früh und abends. Das sei manchmal anstrengend, sagt Alexander, aber unverzichtbar. Denn im Frühjahr möchte er seinen Qualifizierenden Hauptschulabschluss machen.
Bei den Spielen, die vom 18. bis 26. Februar in Vysoké Tatry im Norden der Slowakei stattfinden, startet der 17-Jährige im Abfahrtslauf und der Kombination. Das Pikante: Unter ernsten Bedingungen hat Alexander noch nie einen Abfahrtslauf absolviert.
Bei den nationalen Wettkämpfen und Europacups der Gehörlosen werden nur Slalom, Riesenslalom und Super G gefahren. Anfang Januar hat der Verband daher eigens ein Trainingslager anberaumt, bei dem Abfahrtsläufe trainiert werden. Die Bedingungen beim DGS sind professionell. Neben der kompletten Ausrüstung gibt es einen Physiotherapeuten und einen Techniker im Team. Zwischen den Trainingslagern stehen Kraft, Ausdauer und Technikeinheiten auf dem Trainingsplan. Nichts wird dem Zufall überlassen, damit die Sportler im Februar topfit an den Start gehen. Für Alexander heißt das auch: absolutes Fußballverbot. Die Verletzungsgefahr ist zu groß. Von Stefan Drescher