Im Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute steckt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute, die Mut machende lautet: Deutschland hat eine gute Chance, den Abschwung der Konjunktur mit einem blauen Auge zu überstehen und nicht in die Rezession abzugleiten. Die schlechte Nachricht ist: Diese im Grunde sehr positive Prognose gilt nur für den Fall, dass der europäischen Politik endlich die wirksame Eindämmung der Staatsschuldenkrise gelingt – wonach es zur Stunde leider noch nicht aussieht. Und mit jeder Woche, die ohne die Aussicht auf eine dauerhafte Lösung verstreicht, wächst die Gefahr eines dramatischen wirtschaftlichen Einbruchs.
Das Euro-Währungssystem steht oder fällt mit der Fähigkeit der führenden Politiker Europas, das Vertrauen der Finanzmärkte und Anleger in die Zukunft des Euro wiederherzustellen. Dieses Vertrauen kehrt nur zurück, wenn sich Europa auf einen klaren Fahrplan zur Rettung des Euro verständigt. Die seit eineinhalb Jahren betriebene Salamitaktik, stets nur unter dem Druck von Marktturbulenzen zu reagieren und ein Rettungspaket nach dem anderen zu schnüren, ist nicht aufgegangen. Damit ist weder die Rettung Griechenlands gelungen noch die Gefahr eines Flächenbrands gebannt worden. Man hat immer nur Zeit gekauft und gigantische neue Schulden angehäuft, um die Zinsen für die alten Schulden aufbringen zu können. Man hat dabei mit vielen Prinzipien, die zur Geschäftsgrundlage des Euro gehörten, gebrochen – und das Vertrauen der Bürger in die Versprechen der Politik gründlich ruiniert.
Die Exportnation Deutschland kämpft aus ureigenem Interesse um den Euro und muss, weil es im Grunde allein noch für stabile Finanzen bürgen kann, die Hauptlast der riesigen Haftungssummen und der Ausfallrisiken tragen. Aber auch Deutschland nähert sich dem Punkt, an dem es überfordert sein könnte. Umso dringlicher ist der von der Kanzlerin nach langem Zaudern angekündigte Plan B. Merkels Versuch, sich irgendwie durchzulavieren, ist gescheitert. Sie muss jetzt führen und Klarheit darüber herstellen, wie es im Endspiel um den Euro weitergehen soll.
Noch besteht die Chance, das System zu einem für Deutschland erträglichen Preis zu retten. Griechenland braucht, was lange geleugnet wurde, einen sorgfältig vorbereiteten Schuldenschnitt. Die Banken benötigen Kapital, um die erwarteten Schockwellen zu verkraften – es darf aber nicht wieder auf Kosten des Steuerzahlers passieren. Und es muss sichergestellt sein, dass überzogenem Schuldenmachen ein für alle Mal ein Riegel vorgeschoben wird. Es gibt weder einen billigen noch einen risikolosen Ausweg. Aber ohne entschiedenes Handeln wird es immer schlimmer.