Über Ursachen und Folgen des 11. September 2001 ist schon gestritten worden, als die Trümmer in New York und Washington noch qualmten. Markierte der Tag das Ende der amerikanischen Vorherrschaft in der Welt? Oder den Anfang neuer Religionskriege? Waren die Amerikaner selbst daran schuld, dass sie angegriffen wurden? Oder war es überhaupt grundsätzlich falsch, von einem Angriff zu sprechen und sich so auf die Denk- und Sprachkategorien eines neuen Krieges einzulassen? Zehn Jahre später sind diese Fragen längst noch nicht beantwortet; doch immer neue Fragen sind hinzugekommen.
Wer glaubt, die Antworten zu haben, überschätzt sich selbst – und er unterschätzt den 11. September, dessen Folgen so komplex sind, dass sie sich unmöglich vollständig begreifen und bewerten lassen. In jeder Dimension des Denkens, in jedem Raum der Realität hat dieser Tag Spuren und Schäden hinterlassen: politisch, biografisch, gesellschaftlich, emotional, religiös, juristisch, medial, militärisch, psychologisch, national und international.
Gibt es ein anderes Datum der modernen Welt, das von so vielen Menschen gekannt wird? Die Fernsehbilder der Anschläge sind die meistgesehenen Aufnahmen aller Zeiten; das Datum 11.9. ist das einzige historische Datum, mit dem nahezu alle heute lebenden Menschen auf der Welt ein Ereignis und eine Erinnerung verbinden. Auch die oft zitierten Augenblicke – Mondlandung, Ermordung Kennedys, Mauerfall – verblassen gegen die Schrecken jenes Tages.
Selbst wer meint, dass der Tag und seine Folgen überschätzt werden, weil allein die Wirkung der nie zuvor gesehenen Bilder dem 11. 9. eine unverhältnismäßige Größe gegeben hat, muss zugeben, dass nichts und niemand von diesem Ereignis unberührt geblieben ist. Der 11. September 2001 ist bis ans Ende der Zeit im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert wie Sintflut, Pest und Weltkriege.
Doch darf man sich die kollektive Erinnerung nicht als eine Erinnerung vorstellen. Die Anschläge auf die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Herzkammern Amerikas wurden ganz unterschiedlich erlebt. Zwar hat sich die Weltgemeinschaft nie so deutlich als solche empfunden wie an jenem Tag. Es gab tatsächlich so etwas wie eine gemeinsame globale Schrecksekunde, eine weltweit erlebte Erfahrung der Verwundbarkeit. Doch nach dieser historischen Schrecksekunde, die hier Tage und dort Wochen gedauert haben mag, zerfielen die Wahrnehmungen rasch wieder in die unterschiedlichen nationalen, politischen, religiösen und individuellen Perspektiven.
In Deutschland begann, als der Schrecken nachließ, eine Diskussion über die Rolle der USA in der Welt, aber auch über den erstarkenden Islam im eigenen Land. In den USA dagegen verbanden sich Panik und Patriotismus über Jahre zu einem gefährlichen Gemisch. Radikale Islamisten feierten den 11. September als Triumph. El Kaida gewann Sympathisanten und Rekruten wie nie zuvor. Für friedlich lebende Muslime in Europa und den USA begann eine Zeit der Verdächtigung und Diskriminierung. In fast allen westlichen Gesellschaften vergiftet die neue Angst vor dem Islam das Zusammenleben. Hätte es das alles ohne die Anschläge gegeben? Nicht so, nicht in so extremer Form.
Zu den schlimmsten Folgen des 11. September gehören die Kriege – wozu man mindestens Afghanistan und Irak, aber wohl auch die vielen Terroranschläge und nicht zuletzt die amerikanischen Geheimoperationen mit Drohnen und Spezialkräften zählen muss. Wer kennt die Zahl der Toten dieser Schlachten? Muss man sie in die Bilanz des 11. September 2001 einrechnen? Darüber kann man streiten. Dass die USA ihre Kräfte überspannt haben, dass auch die Supermacht an die Grenzen des militärisch Machbaren und des finanziell Möglichen gestoßen ist, kann niemand bestreiten – von den Grenzen der Rechtsstaatlichkeit und Humanität ganz zu schweigen. Unter Bush haben die USA die politische und moralische Orientierung verloren; unter Obama haben sie sie noch nicht wiedergefunden.
9/11 – das ist von der Kunst bis zu unserem Gemütszustand zur Chiffre einer Epoche, zum Emblem des neuen Jahrhunderts geworden. Das wird sich mit der Zeit relativieren. Die Geschichte bleibt nicht stehen. Doch nach zehn Jahren hat der längste Tag, den wir erlebt haben, fast noch nichts von seinem Wahn und seiner Wucht verloren.