Christian Wulff ist ein Mann mit Steherqualitäten. Andere hätten längst den Bettel hingeworfen. Der CDU-Politiker harrt in Schloss Bellevue aus, obwohl die Treueschwüre der eigenen Partei immer schmallippiger ausfallen, SPD, Grüne und Linkspartei den Stab über ihn gebrochen haben und nur noch jeder fünfte Deutsche von seiner Ehrlichkeit überzeugt ist.
Der Niedersachse klammert sich an sein Amt. Er ist der jüngste Präsident, den die Republik jemals hatte, und er will nicht für den Rest seines Lebens als Gescheiterter dastehen. Er glaubt, seine Fehler irgendwie vergessen machen und seine Autorität über kurz oder lang wiederherstellen zu können. Er versucht, seine Probleme in ein Werk sensationslüsterner Medien umzudeuten. Und überhaupt: Hat nicht jeder, auch ein Bundespräsident, eine zweite Chance verdient – erst recht dann, wenn er Besserung gelobt, sich in Demut vor dem Volk geübt und seine Fehler eingestanden hat? „Man“ ist schließlich, wie Wulff so gerne sagt, auch nur ein Mensch. Ein Mensch eben, der seine Freundschaften pflegt und als Ministerpräsident halt unbedachterweise die eine oder andere kleine Gefälligkeit entgegengenommen hat.
Wulffs Versuch, die Affäre auszusitzen und den Absturz ins politische Nichts zu verhindern, ist menschlich verständlich. Die Frage ist nur, wie dieser Präsident noch einmal jenes Vertrauen zurückgewinnen will, das zur Führung des höchsten Amtes unerlässlich ist. Politiker sind keine Heiligen und brauchen es auch nicht zu sein. Und vielleicht fallen die moralischen Ansprüche, die an ein hohes öffentliches Amt gestellt werden, zu rigide und zu realitätsfern aus. Der Bundespräsident jedoch sollte, jedenfalls in seiner Amtsführung, Vorbild sein. Sein wichtigstes Kapital ist ja die Glaubwürdigkeit. Wer Orientierung geben will, muss mit gutem Beispiel vorangehen und unbefangen reden können. Dies ist das Anforderungsprofil eines Präsidenten, und Wulff ist – wie sein rapider Ansehensverlust belegt – an jenem Punkt angelangt, an dem er seinem Amt nicht mehr vollauf gerecht werden kann.
Immer länger wird die Liste der kleinen und größeren Vergünstigungen, die sich Wulff als Ministerpräsident gegönnt hat. Noch ist nicht geklärt, ob der Schnäppchenjäger damit gegen das Gesetz verstoßen hat und nach dem alten Amigo-Grundsatz des Gebens und Nehmens verfahren ist. Ein kleiner Beamter jedenfalls, der sich einen Urlaub bezahlen ließe, hätte ein Verfahren am Hals. Alles in allem erscheint Wulff als ein Mann, der jeden kleinen Vorteil mitnimmt und zwischen dem Privaten und dem Dienstlichen nicht hinreichend zu unterscheiden weiß.
Gravierender als diese Schnorrereien sind allerdings die Ausflüchte, Ungereimtheiten und Halbwahrheiten, die der Präsident zu seiner Verteidigung auftischt. Wulff wäre längst über den Berg, wenn er die versprochene Aufklärung geliefert und reinen Tisch gemacht hätte. Stattdessen: Mauern, Taktieren, Vertuschen – bis hin zu der jüngsten, jeder Lebenserfahrung widersprechenden Behauptung, er habe die von einem Unternehmerfreund „vorfinanzierten“ Hotelrechnungen nachträglich in bar bezahlt. Es ist eine jener Geschichten, die Wulff und mit ihm das Amt beschädigen. Und wenn es denn eine „Kampagne“ der Medien gegen Wulff geben sollte, so ist es der Präsident selber, der ständig neuen Stoff liefert.
Da niemand Wulff zum Rücktritt zwingen kann und die Kanzlerin aus parteitaktischen Erwägungen weiter zu ihm hält, wird Wulff diese Affäre womöglich überstehen. Dann allerdings hätte die Republik für drei Jahre einen angeschlagenen Präsidenten, der das Amt nicht mehr wirkungsvoll ausfüllen kann.