In einer Zeit, in der die Finanzanleger nervös auf Europa blicken, ist die Macht der Ratingagenturen groß. Finanzmärkte folgen dem Herdentrieb. Ein falsches Signal kann die ganze Herde scheu machen und in den Abgrund jagen. Angesichts der Bedeutung dieser Agenturen muss klarer sein, wann sie für Fehler haftbar gemacht werden können. Die irrtümliche Herabstufung Frankreichs durch Standard&Poor’s hat dies auf erschreckende Weise gezeigt.
Bei aller Kritik darf nicht übersehen werden, dass die gescholtenen Ratingagenturen eine wichtige Funktion wahrnehmen: Die privaten Institute können relativ unabhängig die Finanzlage von Staaten einschätzen. Und in Frankreich läuft derzeit nicht alles rund. Wer auch immer an einem Schreibtisch bei S&P die Herabstufung Frankreichs in Erwägung gezogen hat, er tat es nicht ohne Grund: Frankreichs Wirtschaft lahmt. Das Haushaltsdefizit wird dieses Jahr nach EU-Prognosen 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, während Deutschland mit 1,3 überraschend gut dasteht.
Und Frankreichs Banken, die viele griechische Staatsanleihen halten, stellen ein unkalkulierbares Risiko dar. Daraus zu schließlich, die französische Wirtschaft stünde am Abgrund, geht viel zu weit: Das Land hat international herausragende Konzerne. Die S&P-Panne ist aber eine Mahnung an das Nachbarland, mehr für seine Wettbewerbsfähigkeit zu tun. Europa braucht Frankreich als zuverlässigen Schäfer.