Jahrhundertelang befuhren nur die Mutigsten die Weltmeere, brachen auf ins Ungewisse, setzten sich den Launen der Wellen aus und konnten sich einer glücklichen Rückkehr nicht sicher sein. Heute haben wir das Meer zur Partymeile degradiert. Dass riesige Schiffe, wie die verunglückte Costa Concordia, 4000 Passagiere fassen, ist nichts Ungewöhnliches mehr. Kreuzfahrt ist eine Massenbewegung geworden. Zahlenmäßig schippern in den Schiffen ganze Kleinstädte über die Meere. Und jedes Jahr kommen neue gigantische Liner auf den Markt.
Eine Million Deutsche haben vergangenes Jahr eine Schiffsreise gebucht. Jeder Dritte könnte sich vorstellen, zu einer Kreuzfahrt aufzubrechen. Der Boom scheint kein Ende nehmen zu wollen. Doch mit wachsendem Erfolg nahm auch die Verramschung zu. Schiffsreisen sind nicht selten günstiger zu haben als eine Wanderwoche in den Bergen.
Wer eine Discount-Kreuzfahrt bucht, darf alles erwarten, nur nicht den Nimbus vergangener Tage. Allerdings konnte der Kunde bisher davon ausgehen, einen sicheren Urlaub gebucht zu haben. 500 Kreuzfahrtschiffe sind nach Branchenangaben auf den Weltmeeren unterwegs. Da war es schon rein statistisch nur eine Frage der Zeit, bis ein Unglück passieren musste. Die Havarie der Costa Concordia, wohl verursacht aus Fahrlässigkeit, stellt nicht die Sicherheit einer ganzen Branche in Frage. Doch was hilft das beste Navigationsgerät, wenn der Kapitän auf der Brücke seine Verantwortung über Bord wirft. Wer reist, setzt sich unweigerlich einem Risiko aus, dennoch sind die Reedereien jetzt gefordert, ihre Sicherheitskonzepte offenzulegen.
Doch Konsumenten vergessen schnell, wenn der Preis stimmt. Auch das Bild der verunglückten Concordia wird bald wieder aus den Gedächtnissen verschwinden. Der Wahnsinn wird weitergehen, noch absurder werden. Es gibt sie zwar noch, die kleinen Feinen unter den Riesen, aber im großen Geschäft auf der maritimen Partymeile spielen sie keine Rolle.
Im Wettbewerb um die Passagiere müssen immer neue Superlative her. Schon gibt es Schiffe mit eigener Hausbrauerei, riesigen Wildwasserbahnen an Deck oder überglasten Palmengärten, Casinos und Theater zählen zum Standard. Die Reedereien investieren Millionen, um ihre Boote zur eigentlichen Sehenswürdigkeit auszubauen. Dahinter steckt Kalkül. Wird an Bord konsumiert, spült das Geld ins Unternehmen.
Wer das ganze Remmidemmi mag, soll es machen. Im Urlaub darf jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Doch mit dem ursprünglichen Sinn des Reisens, der Neugierde auf alles, was hinter dem Horizont liegt, hat dies nichts mehr zu tun. Diese riesigen Kreuzfahrtschiffe sind abgeschottete Festungen. Mobile Rückzugsorte, wenn man von Land und Leuten genug hat. Das Meer, der eigentliche Anlass der Reise, ist nur noch romantische Kulisse. Die Faszination, übers Wasser zu reisen, lässt sich auf hochhaushohen Kähnen ohnehin nicht erspüren. Ein Wahnsinn, was wir diesem kostbaren Lebensraum antun – so fragwürdig, wie viele Phänomene, die der Massentourismus mit sich bringt.
Zuletzt hatte die Kreuzfahrt einen angestaubten Ruf. Die Reedereien setzten viel daran, neue, jüngere Zielgruppen zu gewinnen. Und schließlich schwappte der Trend der Klubschiffe aus den USA herüber. Und doch zählt eine Kreuzfahrt noch immer zum Lebenstraum vieler Urlauber. Er nährt sich aus einer Zeit, als Reisen noch das Privileg weniger war und die Schiffsreise der Inbegriff dieses Luxus. Mit diesem Lebenstraum wird heute Kasse gemacht. Auf Kosten der Meere. Und auf Kosten des Traums.