Während weltweit die Aufmerksamkeit bei den Mediennutzern bereits zu sinken beginnt, steigert sich die Dimension der atomaren Katastrophe unaufhörlich. Jetzt haben auch die japanischen Behörden eingesehen, dass das Reaktorunglück von Fukushima auf derselben Stufe zu stehen hat wie das Desaster von Tschernobyl.
Die bis heute folgenschwerste Katastrophe bei der zivilen Nutzung der Atomenergie, die sich vor 25 Jahren in der damaligen Sowjetunion ereignete, ist nicht länger ein singuläres Ereignis. In Japan hat sie sich wiederholt – unter völlig anderen technischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, aber mit demselben Resultat. Aufgrund der freigesetzten Strahlung wird es um Fukushima, ebenso wie um Tschernobyl, zu vielen Krankheits- und Todesfällen kommen, und große, nuklear kontaminierte Landstriche werden unbewohnbar bleiben.
In Japan wurde bisher nicht dasselbe Maß an nuklearer Verseuchung erreicht wie in der Ukraine und den angrenzenden Regionen Weißrusslands und Russlands. Im Fernen Osten gab es (bisher) auch nicht die eine, finale Explosion, die einen kompletten Reaktor zerstören und Teile seines radioaktiven Inhalts in große Höhen schleudern kann. Dafür dringen jetzt seit vier Wochen unaufhörlich radioaktive Gase und belastetes Wasser an die Umwelt. Und niemand weiß, ob die Anlage Fukushima Eins mit ihren vier beschädigten Reaktoren das Schlimmste überhaupt schon überstanden hat.
In beiden Fällen, die jetzt auf der höchsten Stufe der Bewertungsskala nuklearer Störfälle gelistet sind, ist es zum Totalversagen der Kernkrafttechnik gekommen. In Tschernobyl hatten die Unbedarftheit der Betriebsmannschaft, die ein Reaktorexperiment bei abgeschalteter Notkühlung unternahm, im Verein mit Konstruktionsfehlern und einem durch den Sowjetkommunismus bedingten Mangel an Transparenz und Kommunikation zur Katastrophe geführt. In Fukushima waren es Naturgewalten, die niemand für möglich gehalten hatte und gegen deren Einwirken auf die Anlage daher auch keine Vorsorge getroffen war.
Für beide Fälle gilt: Der Super-GAU, der nicht mehr beherrschbare größte anzunehmende Unfall, hätte nicht eintreten müssen. Aber der Betrieb von Atomreaktoren wird auch von politischen und wirtschaftlichen Zwängen bestimmt – und menschliche Unzulänglichkeit lässt sich offenbar nicht komplett ausschalten. Angesichts dieser Tatsachen ist das Risikopotenzial der Atomtechnik auf Dauer einfach zu hoch. Wenn sich risikoärmere Alternativen bieten – und das ist zweifellos der Fall – ist es ein Gebot der Vernunft, den Umstieg schneller als bisher geplant zu realisieren.