Seit nahezu 2000 Jahren leben in Ägypten die christlichen Kopten. Später, aber umso dominanter kam der Islam ins Land. Es gab immer wieder Konflikte, aber auch Zeiten eines erträglichen Nebeneinanders. Die ganze Bandbreite dieses Wechselspiels hat sich, verdichtet auf eine kurze Zeitspanne, im Laufe dieses Jahres wiederholt.
Der blutige Terroranschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria in der Silvesternacht, bei dem mehr als 20 Menschen starben, löste zunächst erbitterte Straßenschlachten mit zahlreichen weiteren Todesopfern aus. Hinter dem Attentat steckten Islamisten, die – noch zur Regierungszeit des diktatorisch herrschenden Hosni Mubarak – Zwietracht unter den Einwohnern säen wollten.
Dann jedoch, während der Demonstrationen in der Zeit des arabischen Frühlings, standen Christen und Muslime Seit’ an Seit’ auf dem Tahrir-Platz im Herzen Kairos, forderten gemeinsam das Ende der Herrschaft Mubaraks und riefen nach Freiheit und Menschenrechten. Diese Bilder begründeten Hoffnungen und Optimismus. Im neuen Ägypten, so schien es, sollte ein friedliches Zusammenleben der Religionen möglich sein.
Seit Sonntag jedoch ist das Verhältnis zwischen beiden Seiten wieder aufs Äußerste angespannt. Berichte über einen Brandanschlag auf eine christliche Kirche im Süden des Landes hatten in Kairo besorgte Christen auf die Straße getrieben. Doch die Demonstration endete in einem Blutbad. Offenbar wollten einerseits muslimische Anwohner den Protestzug verhindern, andererseits gingen Militäreinheiten mit unentschuldbarer Brutalität gegen die Demonstranten vor.
Die Eskalation wirft ein bedenkliches Licht auf den fragilen Status quo zwischen den Kopten, die zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung stellen, und der muslimischen Mehrheit. Die Angehörigen der christlichen Kirche sind in vielfacher Hinsicht benachteiligt, in politischen Funktionen sind sie seit jeher unterrepräsentiert. Immer wieder werden sie auch von einer Minderheit fanatischer Muslime in ihrer Religionsausübung behindert.
Andererseits stellt sich jetzt dringlich die Frage: Quo vadis, Ägypten? Das interimsweise herrschende Militär ist offenbar nicht der neutrale Sachwalter, der die Interessen der Menschen vom Tahrir-Platz umsetzt. Vielmehr gibt es starke Kräfte in den Streitkräften, die auf ein islamisches Ägypten hinarbeiten. Im Verein mit der Muslimbruderschaft, der am straffsten organisierten politischen Kraft des Landes, könnte dieses Bündnis die freiheitsliebenden Menschen um die Früchte der Revolution betrügen.
Und der Traum vom friedlichen Miteinander von Islam und Christentum wäre dann ebenfalls ausgeträumt.