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Leitartikel: Unbezwingbares Afghanistan

Leitartikel

Unbezwingbares Afghanistan

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    Winfried Züfle
    Winfried Züfle Foto: Wagner

    "Wenn wir gemeinsam hineingingen, müssen wir auch gemeinsam raus“ – das ist zurzeit bei westlichen Außen- und Verteidigungspolitikern der meistgebrauchte Satz zu Afghanistan. Es geht längst nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie des Rückzugs.

    Doch die Debatte hat sich jetzt dramatisch zugespitzt. Auslöser waren ein Missgeschick – Koranseiten wurden als Abfall verbrannt – und ein Verbrechen: Ein US-Soldat tötete 16 schlafende Zivilisten. Die heftigen Reaktionen der afghanischen Bevölkerung zeigen, dass die ausländischen Truppen längst nicht mehr als Befreier, sondern inzwischen sogar als Feinde gesehen werden. Dieser Stimmung trug Präsident Hamid Karsai Rechnung, als er jetzt den vollständigen Truppenabzug bereits 2013 statt wie bisher geplant 2014 verlangte.

    Die Forderung richtet sich in erster Linie an die USA. Sie stellen 90.000 der 130.000 Soldaten der Schutztruppe Isaf. Schon nach bisherigen Plänen wollte Washington 22.000 Soldaten bis September dieses Jahres abziehen. Laut New York Times wird in US-Regierungskreisen diskutiert, bis Mitte 2013 weitere 20.000 bis 30.000 Soldaten zurückzuholen.

    Die Bundeswehr mit knapp 5000 Soldaten in Afghanistan stellt demgegenüber ein kleines Kontingent. Berlin will den Abzug nur parallel mit den USA vollziehen. Dafür gibt es praktische Gründe: Zum Schutz beim Abbau der Stützpunkte wird amerikanische Hilfe benötigt. 2013 oder 2014? Die Entscheidung darüber fällt in Washington. Doch sollte Berlin nachdrücklich für den frühestmöglichen Termin eintreten. Wünsche von Militärs, den Einsatz sogar zu verlängern, sind unrealistisch und müssen von den Politikern strikt zurückgewiesen werden.

    Entgegen aller großspurigen Rhetorik werden die westlichen Truppen nicht als Sieger gehen. „Wir werden nicht scheitern“, sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta dieser Tage im afghanischen Camp Leatherneck. Aber er wird wissen, dass dies nicht stimmt.

    Zuletzt hieß das oberste Isaf-Ziel: Schutz der Zivilbevölkerung. Das konnte nicht eingelöst werden. Die Taliban sind nicht besiegt und terrorisieren weiter die Bürger. Teilweise fühlen sich die Afghanen aber durch die westlichen Soldaten sogar stärker bedroht als durch die Radikalislamisten. Was die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte – das zweite Ziel des Westens – wert war, wird man erst sehen, wenn die Isaf-Truppen abgezogen sind.

    Der Plan, einen Staat nach westlichem Vorbild aufzubauen, ist dagegen längst obsolet. Zwar gab es Erfolge: Die medizinische Versorgung wurde verbessert, das Durchschnittseinkommen stieg, siebenmal so viel Kinder wie vor zehn Jahren besuchen heute Schulen, ein Drittel davon Mädchen. Sie waren zu Zeiten der Taliban vom Schulbesuch ausgeschlossen.

    Aber Afghanistan nach zehn Jahren Schutztruppe ist so zerrissen wie eh und je. Die Volksgruppen – Paschtunen, Tadschiken, Usbeken – stellen die eigenen über die nationalen Interessen, die Macht der regionalen Warlords ist ungebrochen, Korruption und Schmuggel blühen, Afghanistan ist der größte Opiumproduzent der Welt.

    In den Monaten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war es mit Hilfe der afghanischen Nordallianz gelungen, die Taliban aus dem Land zu jagen und dem Terrornetzwerk El Kaida die Operationsbasis zu entziehen. Aber die Taliban kehrten zurück. Auf Dauer ist dieses Land für Invasoren unbezwingbar. So, wie die Schutztruppe heute dasteht, kann sie Afghanistan nicht mehr helfen. Sie muss jetzt schleunigst gehen.

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