Wunder konnte niemand erwarten, aber dass sich der Wandel so zäh vollziehen würde, überrascht doch. Die Aufständischen des Arabischen Frühlings sorgten dafür, dass vier Diktatoren nur noch Geschichte sind: Tunesiens Ben Ali, Ägyptens Mubarak, Libyens Gaddafi und Jemens Saleh. Statt der zunächst erhofften Demokratisierung setzte aber vor allem eine Islamisierung ein. Ruhe ist daher am südlichen und östlichen Ufer des Mittelmeers bisher auch in jenen Staaten, in denen die Potentaten stürzten, nicht eingekehrt.
Die größte Sorge aber bereitet den Europäern, vor deren Haustüre sich die dramatische Entwicklung abspielt, Syrien. Zwar hat der vom ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan vermittelte Waffenstillstand zu einem Abflauen der Kämpfe zwischen der sunnitischen Opposition und dem Brutalregime des Baschar al-Assad geführt. Aber es kommt immer noch zu Gewalttaten. Und wesentliche Bedingungen des Abkommens – etwa der Abzug schwerer Waffen aus den Städten – sind nicht erfüllt. Daher besteht weiter die Gefahr, dass die Atempause bald zu Ende gehen und ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte.
Einer solchen Entwicklung darf die Welt aber nicht tatenlos zusehen. Eine Intervention nach dem Muster des Libyen-Einsatzes ist in Syrien zwar nicht möglich. Aber die Einrichtung von Schutzzonen für die Opposition innerhalb Syriens findet zunehmend Fürsprecher. Die Türkei macht sich dafür schon seit längerer Zeit stark, jetzt denkt auch US-Außenministerin Hillary Clinton in diese Richtung. Allerdings: Auch für eine solche Form der militärischen Intervention ist ein Mandat des Weltsicherheitsrates erforderlich. Bisher haben Russland und China dort alle Beschlüsse zu Syrien blockiert. Sollte der Waffenstillstand jedoch eindeutig an Assad scheitern, würde der Druck auf die beiden Vetomächte wachsen, ein Handeln der Weltgemeinschaft endlich zu ermöglichen.
Weniger explosiv, aber immer noch besorgniserregend ist die Lage in den anderen arabischen Staaten, die sich im Übergang befinden. In Libyen, wo die Rebellen dank Nato-Luftunterstützung siegten, sollen die ersten freien Wahlen bis zum 23. Juni stattfinden. Derzeit aber gibt es keine im ganzen Land anerkannte Autorität – der Nationale Übergangsrat verliert stetig an Einfluss. Wenn der Wahlprozess nicht zu einer Klärung der Machtverhältnisse führt, droht Libyen in Anarchie zu versinken.
Ägypten, das bevölkerungsreichste der Revolutionsländer, befindet sich ebenfalls in einer schwierigen Phase. Die ersten freien Wahlen brachten den gemäßigten Islamisten von der Muslimbruderschaft den Sieg. Jetzt stehen die Ausarbeitung der Verfassung und die Wahl des Staatspräsidenten an. Beide Prozesse verlaufen jedoch turbulent. So löste ein Gericht das Gremium auf, das die Verfassung ausarbeiten soll, und der Hohe Militärrat, der seit dem Sturz Mubaraks regiert, nahm die aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten aus dem Rennen.
Stabilität liegt somit auch für Ägypten noch in weiter Ferne. Die einen fürchten, die anderen hoffen, dass sich am Ende eine Arbeitsteilung zwischen Islamisten und Militär herausbildet. In einem Punkt scheinen sie sich bereits einig zu sein: Die Haltung gegenüber Israel wird feindseliger, wie jetzt die Kündigung des Gasabkommens zeigt.
Angesichts dieser Wirren erscheint Tunesien als Erfolgsmodell. Zwar siegten auch dort gemäßigte Islamisten, aber sie kooperieren mit säkularen Kräften. Doch innerhalb der regierenden Ennahda-Partei ist der Kampf zwischen gemäßigten und radikalen Kräften noch lange nicht entschieden.