Wellheim/Feldkirchen Klettern ohne Gurt und Seil? Das hört sich nach Gefahr, Leichtsinn und Risiko an. Und doch gibt es eine Bergsportart, die das Letzte von einem fordert und so gut wie ohne Gefahr ausgeübt werden kann: Bouldern. Eigentlich bezeichnet das aus dem Englischen stammende „boulder“ ja einen Findling, doch wurde der Name für die ganze Sportart übernommen, die vor gut einem Jahrhundert in Frankreich aufkam, als die ersten Kletterer ohne Gurt und Seil die Sandsteinfelsen im Wald von Fontainebleau bezwangen.
Auch in unserer Heimat hat diese Sportart bereits viele Anhänger gefunden. Die Kletterhallen in Ingolstadt oder Augsburg sind gerade an den Wochenenden voll davon, Boulderpartys und Kletterwettbewerbe sollen die Kletterer zusätzlich anlocken. Michael und Bernhard Loy aus Feldkirchen jedoch bevorzugen eher das Bouldern in freier Natur und haben unterhalb der Wellheimer Burg bereits ihre Herausforderungen am Felsen gefunden, an dem sie ihre Kräfte messen. Zuerst war Bouldern für sie nur ein Mittel zum Zweck, um sich im Sportklettern, das sie bereits seit etlichen Jahren im Alpenverein ausübten, zu verbessern. Doch mittlerweile hat sich das Ganze verselbstständigt. „Bouldern verlangt eine komplexe Abfolge von Bewegungen, man macht immer etwas Neues. ‚Was sind die schwierigsten Züge’ hat mich mehr interessiert als die Frage, wie viele Meter ich schaffe“, erklärt Bernhard.
Der Fels ist wie ein Puzzle
Beim Bouldern sind eben körperliche und geistige Kreativität und ein Gespür für komplexe Bewegungsabläufe gefragt. „Am Felsen gibt es immer mehr Möglichkeiten, die effizienteste muss man herausfinden. Es ist wie ein Puzzle, das einem der Fels vorgibt. Viele Lösungen führen zum Ziel.“ Als nicht unerwünschter Nebeneffekt stellt sich nach und nach eine Steigerung der Präzision, der Kraft und der Kondition ein.
Michael, der bereits seine speziellen Kletterschuhe an den Füßen trägt, greift in die Tasche mit Magnesiapulver. Wie beim Geräteturnen hält Magnesia die Hände vom Schweiß trocken und erhöht außerdem auch die Griffigkeit. Bernhard reinigt inzwischen mit einer speziellen Bürste die Vertiefungen im Fels von Schmutz und Michael streift seine Schuhe zur Sicherheit noch einmal an einer Fußmatte ab. Er holt tief Luft, krallt sich mit den Fingern in die Vertiefungen im Fels und zieht sich hoch. Mit den Füßen drückt er sich von einem winzigen Vorsprung ab, setzt gleichzeitig mit der anderen Hand um und nutzt diesen Schwung, um das unbelastete Bein nach oben zu bringen. Katzenartig zieht er sich über den überhängenden Felsvorsprung nach oben. Geschafft! „Flow“ nennen die Spezialisten diese dynamische Bewegung.
Bernhard hat die Rolle des „Spotters“ übernommen, der den Kletterer vor Verletzungen sichern und notfalls dafür sorgen soll, dass der Kletternde bei einem Sturz auf der Bouldermatte landet. Weil die Felshöhe weniger als zwei Meter beträgt, könnte er den Kopf oder Oberkörper des Fallenden mit bloßen Händen sichern und den Stürzenden heil auf die Matte bringen.
Keine Gurte, keine Haken
Wegen der niedrigen Absprunghöhe liegen die Verletzungsgefahren weniger in Stürzen, sondern eher in Überbelastungen. Deswegen wird oft auch ein präventiver Tapeverband über einen oder mehrere Finger gelegt. Das ist auch schon alles an Hilfsmitteln. Gurte oder gar Haken kommen beim Bouldern nicht ins Spiel. „Die Felsstrukturen werden bei unserem Sport nicht verändert, der Bouldersport respektiert die Natur“, erklärt Michael und ärgert sich über den Gedanken, den Felsen mit Hammer, Meißel oder Haken zu bearbeiten. „Da würden wir uns ja selbst täuschen.“