Der Herr Kollege feixt noch. "Na, haste dich schon auf Weihnachten auf der Schiene eingestellt?" Schneechaos, überfüllte Züge, überhitzte Abteils, gestresste Fahrgäste und Verspätung, Verspätung, Verspätung - die Bahn hat im Vorfeld schon gewarnt, am 23. mit dem Zug zu fahren. Weil alle fahren. Heim. Zu Mutti und zum Christbaum. Halb Deutschland scheint an Weihnachten unterwegs zu sein. Ich auch.
Es führt kein Weg dran vorbei. Also doch ab in den Zug. Und Überraschung: Schneechaos, überfüllte Züge, überhitzte Abteils, gestresste Fahrgäste, Verspätung, Verspätung, Verspätung - Fehlanzeige. Zumindest im ICE 1600 nach Berlin. Stattdessen: nette Begegnungen auf einer Zugfahrt, bei der scheinbar alle Fahrgäste ein Ziel haben: Zuhause und Weihnachten. Und so geschieht es, dass man plötzlich mit Herrn Wunsch durch das Paradies fährt. Kein Scherz.
Donnerstag, 18 Uhr: Chaos auf Augsburgs Straßen Augsburg. Last-Minute-Geschenkekäufer strömen in die Innenstadt, nichts geht mehr. "Haben Sie auch genug Zeit eingeplant", fragt der Taxifahrer auf dem Weg zum Bahnhof. Ja, habe ich, nein, nicht für die Taxifahrt sondern eigentlich für Zeitung- und Abendessenkaufen. Sechs Stunden Zugfahrt ohne Körper- und Nervennahrung - das geht nicht. Vor meinem Inneren Auge spielen sich schon Dramen ab. Hungrig im Zug, bei Verspätung. Da ist die schlechte Laune vorprogrammiert, Alptraum.
"Die Karlstraß ist dicht, ne Kollegin hat da bis zum Bahnhof eine halbe Stunde gebraucht", sagt er. So viel Zeit habe ich nicht. Wir nehmen Schleichwege, das letzte Stück zum Bahnhof gehe ich zu Fuß. Verpflegung kaufen, zum Gleis, der ICE ist, o Wunder, pünktlich und, o Wunder, nicht überfüllt und, o Wunder, richtig ruhig und entspannt. Die Reisewelle rollt vor uns, wir kriegen nichts davon mit. Aber wie lange noch?
18.20 Uhr: Vor vier Stunden hat Benjamin Werner erfahren, dass sein größter Weihnachtswunsch in Erfüllung geht: er hat doch kurzfristig Urlaub bekommen und kann nach Hause nach Altentreptow fahren. Jetzt sitzt er in Wagen 75 und beißt zufrieden in sein Mozarella-Baguette vom Augsburger Bahnhofskiosk. Seit einem halben Jahr lebt er in Utting am Ammersee. Der Arbeit wegen ist der 19-jährige Montager nach Bayern gezogen. Aber er vermisst seinen Heimatort in Mecklenburg-Vorpommern. "Einfach bei der Familie sein, Freunde treffen", darauf freut er sich am meisten.
Während er das sagt, ruft seine Oma an. Benjamin hat noch nicht alle Geschenke gekauft, ist aber ruhig. Morgen Vormittag ist ja noch Zeit. "Wenn ich die fragen würde, würde die sagen, es reicht schon dass du da bist als Geschenk." Seine Mutter wird ihr Geschenk also sechs Stunden später am Bahnhof in Berlin abholen. Hoffentlich machen Schnee und Eis in Ostdeutschland nicht einen Strich durch die Bescherung. Wir fahren mit mehr als 100 Stundenkilometern darauf zu.
19.03: Bernd Haas aus München sitzt eine Reihe vor Benjamin Werner und tippt in sein Laptop. Auch er ist auf dem Weg nach Hause, wenn auch ein anderes. Der 35-Jährige fährt zum Klassentreffen nach Erlangen. Wie immer am 23. Dezember. "Alte Freunde wiedersehen - das ist auch irgendwie Zuhause", sagt er und erzählt von der Zeit auf dem Humanistischen Gymnasium, die zusammengeschweißt habe. Und wie er als Bub Atlantis finden und deshalb Altgriechisch und Latein lernen wollte. Er hat dann doch BWL studiert, sein Job hat ihn nach Mailand, Kopenhagen und Warschau gebracht - aber am 23. ist er trotzdem jedes Jahr nach Erlangen zurück gekehrt. Morgen fährt er wieder zurück nach München. Dann feiert er Weihnachten mit der Familie seiner Schwester.
19.17 Uhr: Die Stimmung im Zug ist entspannt. Es scheint sich jeder auf etwas am Ankunftsort zu freuen. Hinter vielen liegen stressige Wochen im Job. Vielleicht muss das auch so sein. Vielleicht braucht es den Kontrast vor Weihnachten. Ohne Stress kein Runterkommen? Madeleine Koch jedenfalls wirkt relaxt. Sie sitzt im Speisewagen. Neben ihr eine Riesentüte mit Weihnachtsgeschenken. Die Managementassistentin wohnt in München und muss in Lichtenfels raus. Noch eine gute halbe Stunde, dann ist sie da. Sie freut sich auf ihre "Familie, auf Zeit haben, miteinander reden, in der Natur zu sein, Schnee erleben." Ankommen.
19.34 Uhr: Seit Mittwochabend hat Jana Schuchardt Zahnschmerzen. Die 27-jährige Bankangestellte aus Wien hatte keine Zeit mehr, vor der Abfahrt zum Zahnarzt zu gehen. Schmerztablette rein und los nach Jena. Nach einem überfüllten und chaotischen Zug in Österreich sitzt sie nun im ruhigen Wagen 75 und versucht irgendwie die Schmerzen auszublenden. Sie will gegen 22 Uhr an der Haltestelle "Paradies" aussteigen, doch zurzeit hat sie die Hölle im Gebiss. Die Schmerztablette wirkt nicht mehr, wenn sie in ihrer Heimatstadt ankommt, will sie als erstes in eine Zahnklinik gehen. Und dennoch: "Ich freue mich auf Papas Stollen und Plätzchen, auf die Ruhe und den Urlaub. Die letzten Wochen waren so stressig." Ihr größter Wunsch: Dass die Schmerzen endlich aufhören.
19.50 Uhr: Wunsch sitzt hinter dem Speisewagen. Er heißt Paul mit Vornamen, ist 29 Jahre alt, Maler in St. Johann und hat noch einen langen Weg vor sich. Herr Wunsch will zu seinen Eltern nach Rügen. Weil es in der Nacht keinen Zug mehr auf die Ostseeinsel gibt, muss er noch vier Stunden auf dem Berliner Bahnhof aushalten. "Hoffentlich ist da was los", sagt er. Und am Heiligen Abend dann, soll es so sein "wie früher", Geschenke auspacken, miteinander reden, gemütlich, später dann Freunde treffen. Vorletztes Jahr war er an Weihnachten nicht auf der Insel - da hat ihm etwas gefehlt. Dafür nimmt er heuer gerne die Ochsentour bis nach Rügen in Kauf.
20.05 Uhr: Ariane Tietje hat es bald geschafft. Die 20-jährige Architekturstudentin aus Augsburg besucht ihre Familie in Coburg. Und ihren Freund wird sie auch wieder sehen. Gerade trinkt sie einen grünen Tee, in 24 Stunden wird sie Kartoffelsalat und Würstchen essen und dann in die Kirche gehen - "meine Eltern sind da nicht so, aber für mich gehört das dazu." Am 25. Dezember muss sie schon wieder zurück. Der Studentenjob ruft.
20.15 Uhr: Georg Schnitzer will auch nach Coburg zu seinen Eltern. "Wir müssen an Weihnachten immer singen", sagt der Grundschullehramtstudent aus Weingarten und lacht. "O Tannenbaum" und all die Lieder. Die Gesangeskünste von ihm und seinen Schwestern seien zwar nicht berauschend, aber seine Eltern freuen sich trotzdem immer. Während er das sagt, schallt Lenis helle Kinderstimme rüber.
20.37 Uhr: Energiebündel Sina-Sophie Franz betritt das Abteil, gefolgt von ihrer Mutter Silke Ziarnetzki. Die Achtjährige hat Ferien und hat ihre Mutter bei der Schicht abgeholt. Nun geht es von Lichtenfels eine Station nach Saalfeld in Thüringen. Sina holt Block und Stifte raus und legt los. Engelparade. Nebenan erzählt Leni ihrer Mutter aufgeregt, was gerade bei Aristo Cats passiert, das sie auf dem kleinen DVD-Spieler anguckt. Morgen hat Sinas Mutter frei. Dann kommt Papa und sie feiern mit Oma und Opa. "Ich freue mich am meisten auf die leuchtenden Augen meiner Tochter, wenn sie Geschenke auspackt und auf die Kirche", sagt Silke Ziarnetzki. Und Sina? Die Antwort kommt wie aus der Kanone geschossen: "Auf Papa freue ich mich am meisten an Weihnachten", sagt Sina lachend, aber es schwingt auch etwas Trauriges mit. Sie würde ihren Vater gerne öfter sehen.
22:05 "Sehr geehrte Zuggäste, in wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhogf Jena-Paradies (...)Thank you for travelling with Deutsche Bahn." Es ist dunkel im Paradies.
23:09 Uhr: Da ist es, das böse Wort "Verspätung" kommt aus dem Lautsprecher. Eisregen. Außerplanmäßiger Aufenthalt in Leipzig, Warten auf Übergangszüge. Also doch .... Geht es jetzt los, das Chaos?
23.39 Uhr: Nein. 20 Minuten später als geplant aus Leipzig los. Der Zug ist inzwischen noch ruhiger geworden. Leni schläft und die meisten Fahrgäste sind schon ausgestiegen.
Freitag, 0.41 Uhr: Ankunft Berlin Hauptbahnhof. Wir verlassen müde unseren Zug. Benjamin geht zu seiner Mutter; Leni, Joschka und Sandra müssen noch weiter mit der S-Bahn, Paul wartet auf seinen Anschlusszug. Ich nehme ein Taxi. Der Fahrer hört - kein Scherz - "Driving Home for Christmas" von Chris Rhea. Es liegt Schnee. Für mich gibt es heuer weiße Weihnacht und für einen Großteil meiner temporären Zugfamilie auch. Na dann, frohes Fest, Benjamin, Bernd, Madeleine, Jana, Paul, Ariane, Georg, Leni, Sandra, Joschka, Sina-Sophie, Silke, wenn ihr das hier lest, und für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, da Sie ja nun auch irgendwie auf unserer Heimfahrt an Weihnachten dabei waren, natürlich auch.