Neusäß Miriam Bulgurcu wollte nicht viel. Sie wollte nur ein bisschen mehr. 230 Milliliter links, 230 Milliliter rechts. C statt B, gerechnet in BH-Körbchengröße. Wann genau der Begriff „Brustvergrößerung“ zum ersten Mal durch ihren Kopf huschte, kann sie nicht mehr sagen. Aber dann, im Jahr 2006, setzte sie den Gedanken in die Tat um. 22 Jahre jung war die gebürtige Polin damals, ihre Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin in Augsburg hatte sie gerade abgeschlossen. Viel Geld war nicht da. Eine Vermittlerfirma stellte den Kontakt zu einer Klinik im tschechischen Pilsen her. Und Miriam und ihr Freund, der heute ihr Mann ist, machten sich von ihrer Heimatstadt Neusäß aus auf den Weg.
Rund 6000 Euro soll die Operation kosten
PIP. Sechs Jahre lang waren diese drei Buchstaben für das Paar kein Begriff. Dass die Silikon-Implantate, die Miriam sich in ihren Körper einsetzen ließ, von der französischen Firma Poly Implant Prothèse stammen, die sich abgekürzt PIP nennt, spielte für sie damals keine Rolle. Hellhörig wurden die beiden erst, als Ende 2011 Zeitungen und Fernsehsender begannen, über die möglicherweise gesundheitsschädlichen Silikon-Implantate zu berichten, die weltweit bei Schönheitsoperationen an womöglich bis zu 500000 Frauen benutzt worden waren.
„Viele Patientinnen interessiert normalerweise nicht besonders, von welchem Hersteller die Implantate stammen“, sagt Dr. Rolf Vohs, Chefarzt der Moser-Kliniken in Augsburg. Seine Klinik, sagt er, habe niemals Produkte der jetzt umstrittenen französischen Firma PIP verwendet, sondern greife schon seit Jahren auf streng geprüfte Silikonprothesen von amerikanischen Unternehmen zurück.
Doch an diesem Montag wird auch Chefarzt Vohs PIP-Implantate in den Händen halten. Dann wird Miriam Bulgurcu in seinem Operationssaal liegen. Denn zur Entfernung der wahrscheinlich gefährlichen Silikonkissen will die heute 28-Jährige nicht wieder in eine tschechische Klinik fahren. „Aber ich will das Zeug weg haben“, sagt sie. „So schnell wie möglich.“
Skandal um PIP-Brustimplantate
Eine Klagewelle rollt weltweit auf die Gerichte wegen des Skandals um defekte Billig-Brustimplantate der französischen Firma PIP zu.
Hunderttausende Brustimplantate gefüllt mit einem Billig-Silikon hatte PIP von 2001 bis 2010 weltweit verkauft; in den Einlagen wurde aus Kostengründen statt eines medizinischen Silikons ein Industriesilikon verwendet, das eigentlich als Dichtungsmasse eingesetzt wird.
Einlagen rissen gehäuft, in Deutschland wurden bisher 25 Fälle gemeldet. Die Opfer führen Entzündungen und sogar Krebsfälle auf das Industriesilikon zurück.
PIP-Firmengründer Jean-Claude Mas macht aus dem Einsatz von Billig-Silikon keinen Hehl, doch das war seiner Ansicht nach nicht schädlich.
Die Anzeigen der betroffenen Frauen wenden sich allerdings nicht nur gegen PIP, sondern auch gegen die staatliche französische Medizinproduktebehörde Afssaps, gegen Ärzte und Kliniken sowie gegen den TÜV Rheinland.
Der hatte PIP-Produkte europaweit zertifiziert und ihnen damit das begehrte CE-Siegel für geprüfte Sicherheit verschafft.
In Frankreich wird deshalb gerne mit dem Finger auf den TÜV gezeigt: Die Afssaps, Ärzte und Krankenhäuser hätten sich auf den TÜV verlassen müssen, heißt es.
Der TÜV Rheinland wiederum sieht keine Schuld bei sich, denn er sei bei seiner Prüfung von PIP «nachweislich umfassend und fortgesetzt getäuscht worden». Die Firma habe die Implantate geändert - also mit Industriesilikon gefüllt -, ohne dies mitzuteilen. Somit habe gar kein TÜV-Zertifikat für dieses Produkt vorgelegen. Der TÜV hat selbst Anzeige in Frankreich gegen PIP erstattet.
Die EU will die Vorgaben strenger fassen, bevor ein Medizinprodukt überhaupt auf den Markt kommt. Eine staatliche Kontrolle, etwa ein Zulassungsverfahren wie bei Arzneimitteln, gibt es für Medizinprodukte nicht.
Die Lieferanten des Industriesilikons, darunter der deutsche Chemiegroßhändler Brenntag, weisen eine Mitschuld von sich.
Die französische Allianz-Tochter, bei der PIP versichert war, hält den Vertrag für ungültig, weil die Firma betrügerisch gehandelt habe
Rund 6000 Euro soll es kosten, die mit womöglich billigem Industrie-Silikon gefüllten Implantate durch andere, medizinisch hochwertige, zu ersetzen. 2200 Euro hat Miriam Bulgurcu vor sechs Jahren für die Schönheitsoperation in Tschechien bezahlt. Damals hat sie dafür einen Kredit aufgenommen. Zweieinhalb Jahre lang hat sie abbezahlt. „Aber das war es mir wert.“ Ihren Eltern erzählte sie zunächst nichts von der Operation. Nur ihr Freund Serkan, ihre jüngere Schwester und ein paar Freunde waren eingeweiht.
„Das ging ganz schnell. Serkan und ich sind da am Donnerstag hingefahren, am Freitag war die Operation und am Samstag waren wir schon wieder zu Hause.“ Sechs Wochen lang trug sie ein Stützkorsett, durfte keinen Sport machen und keine schweren Gegenstände heben. Seither erinnern nur noch zwei schmale Narben an der Unterseite ihrer Brust an den Eingriff. Und Fotos von Urlauben, ihrer Hochzeit mit Serkan und Ausflügen mit dem gemeinsamen Sohn Saner, der vor eineinhalb Jahren zur Welt kam – denn die Bilder zeigen Miriam Bulgurcu als lebenslustige junge Frau – mit kurzen Oberteilen und formschönem Dekolleté.
In diesen Tagen entscheidet sich die junge Mutter aber lieber für dicke Strickpullis. Und verschränkt, immer wieder, die Arme vor dem Körper. „Diese Implantate lösen vielleicht Brustkrebs aus“, sagt sie. „Natürlich habe ich Angst.“
25 Fälle in Deutschland sind bisher bekannt, bei denen die Hülle von PIP-Implantaten im Körper der Frauen riss und Teile des billigen Industrie-Silikons mit dem umliegenden Gewebe in Kontakt kamen. Bis zu 10000 Frauen bundesweit sollen die Implantate des französischen Herstellers im Körper tragen. In vielen Bundesländern kursieren mittlerweile schon Schätzungen über die Zahl der dort betroffenen Frauen. In Bayern gibt es dazu bisher noch keine Aussagen.
„Ob und wie der minderwertige Stoff aus diesen PIP-Implantaten in Wechselwirkung mit dem Körper tritt, kann derzeit niemand sagen“, erklärt Chefarzt Vohs. Und auch, ob die Silikonhülle eines Implantats beschädigt ist, sei für Patientinnen nicht zu sehen oder zu spüren. Denn schon ein paar Wochen nach einer Brustvergrößerung bildet sich um die künstlichen Kissen eine Art Hülle aus körpereigenem Gewebe, die womöglich austretendes Silikongel auffängt. Nur per Ultraschall-Untersuchung wird sichtbar, ob die eigentliche Silikonhülle noch intakt ist.
Die Krankenkasse will den Fall nun prüfen
Miriam Bulgurcu weiß nicht, ob die Implantate in ihrem Körper schon gerissen sind. Sie will, sagt sie, die letzten Tage vor der Operation „noch ruhig schlafen können“. Auch, wie sie die rund 6000 Euro für den Eingriff bezahlen soll, ist noch unklar. Zwar empfehlen Medizinerverbände und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte betroffenen Frauen, die wahrscheinlich gefährlichen Prothesen entfernen zu lassen. Doch die Krankenkassen wollen solche Eingriffe nur komplett bezahlen, wenn die Brustvergrößerung „medizinisch notwendig“ war – und das nachzuweisen, dürfte wohl nur in den wenigsten Fällen gelingen.
Auch Miriam Bulgurcu und ihr Mann Serkan waren deshalb schon bei ihrer Krankenkasse vorstellig. Es war ein kurzer Besuch. „Die Schönheitsoperation war ihre Entscheidung. Darum müssen Sie jetzt auch mit den Konsequenzen leben“, erklärte die Beraterin. Nach einer weiteren offiziellen Anfrage per E-Mail will die Kasse den Fall nun zumindest „prüfen“.
„Ich will ja gar nicht, dass die viel bezahlen“, sagt Miriam Bulgurcu. „Nur ein bisschen.“