Dienstag, 27. September 2016

20. März 2016 16:30 Uhr

Kommunikation

Warum Verschwörungstheorien so populär sind

Verschwörungstheorien sind erfolgreich wie lange nicht. Viele glauben lieber anonymen Schreibern im Internet als Politikern, Medien oder Institutionen. Woran das liegen könnte.

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Russischstämmige Deutsche demonstrierten gegen eine ihrer Meinung nach von Migranten ausgehende Gefahr. Anlass war die angebliche Vergewaltigung eines Mädchens. (Archivfoto)
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa

"Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sicheres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie." Gustave Le Bon

Jetzt ist es also doch noch herausgekommen: Mark Zuckerberg ist während seines jüngsten Besuchs in Deutschland massiv bedroht worden! Die gute Laune während seiner öffentlichen Auftritte – alles nur gespielt. In Wahrheit setzte die deutsche Politik hinter den Kulissen alles daran, den Herrn über das größte soziale Netzwerk der Welt einzuschüchtern. Hinter der Forderung, „Hasskommentare“ zu löschen, verbirgt sich in Wahrheit der Plan der deutschen Behörden, künftig jede Information über die so zahlreich von Migranten begangenen Verbrechen geheim zu halten. Das ist doch unglaublich!

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Ist es tatsächlich. Allerdings in einem ganz anderen Sinn, als es die Urheber dieser Geschichte, mehrere tschechische Internetseiten, ihren Lesern weismachen wollen. Erstens stimmt es nicht, dass Flüchtlinge per se mehr Straftaten begehen als der Rest der Bevölkerung. Und zweitens: Wie sollten deutsche Behörden die Kommunikation von zig Millionen Menschen auf Facebook kontrollieren? Die Geschichte ist frei erfunden – genauso wie jene, dass immer mehr Schweden aus Angst vor den zahlreich ankommenden Migranten ihr eigenes Land verließen.

Entdeckt wurden beide, wie viele weitere, von der East StratCom, einer von den EU-Mitgliedstaaten eingesetzten Recherche-Einheit. Das Expertenteam wurde von der Hohen Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik geschaffen, um, nach eigenen Angaben, einer seit Monaten immer aggressiver geführten Fehlinformationskampagne aus Russland etwas entgegenzusetzen. Einer Kampagne, die gezielt Lunte legt an aktuellen gesellschaftlichen Konflikten in Deutschland und Osteuropa.

Experten durchsuchen das Internet nach Gerüchten

Seit rund einem halben Jahr untersuchen die neun Kommunikations-Experten mit der Hilfe externer Hinweisgeber das Internet nach solchen Geschichten, widerlegen sie und versuchen die dahinterliegenden Erzählungen zu klassifizieren. Jeden Dienstag veröffentlichen sie dann ebenfalls im Internet einen Bericht über die populärsten Mythen der vergangenen Woche. Zudem bestücken sie eine eigene russisch-sprachige Seite, um einer beliebten Strategie der Manipulatoren zu begegnen: Originalquellen zu zitieren – aber aus dem Zusammenhang gerissen und absichtlich verkürzt.

Wohin diese Art des politischen Zündelns führen kann, war erst vor wenigen Wochen beim „Fall Lisa“ in Deutschland zu beobachten. In Berlin war ein 13-jähriges Mädchen mit russischem und deutschem Pass verschwunden. Schnell kursierte in russischen Medien und sozialen Netzwerken das Gerücht, es sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden.

Im Internet wurde auch mobilisiert für eine Reihe von Kundgebungen in mehreren deutschen Städten, auf denen Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht wurde – von Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Sogar der russische Außenminister warnte vieldeutig vor dem Vertuschen einer möglichen Straftat. Tatsache aber war: Das Mädchen wurde weder entführt noch vergewaltigt.

Schon um die Pestepidemien im Mittelalter rankten sich Verschwörungstheorien

Wie wirksam die Arbeit der europäischen Experten ist, kann man nur schwer messen. Eine Geschichte, die einmal in der Welt ist, lässt sich nur schwer wieder einfangen. Wenn sie in ihr Weltbild passt, gibt es immer Menschen, die sie glauben – und weiterverbreiten. Die Übergänge zwischen Propaganda, Desinformation, Gerüchten und Verschwörungstheorien sind fließend. Mal geht es darin nur um einzelne, überschaubare Ereignisse, mal wird eine allumfassende, alternative Geschichte der ganzen Welt erzählt. Viele dieser Erzählungen sind erstaunlich langlebig und wandelbar.

Schon mit den Pestepidemien im Mittelalter etwa breitete sich die Geschichte von angeblichen jüdischen Brunnenvergiftern in ganz Europa aus. Im 20. Jahrhundert waren die Juden noch immer Ziel von Verschwörungstheorien – mit den bekannten verheerenden Folgen. Alles nicht neu also. Die Frage ist aber, warum glauben so viele Menschen so schnell eine Geschichte? Und warum spielt die Quelle, aus der die Erzählung stammt, offenbar keine große Rolle mehr?

Einer, der sich mit diesen und ähnlichen Fragen intensiv auseinandersetzt, ist der Tübinger Amerikanistik-Professor Michael Butter. Der 37-Jährige koordiniert ein eben gegründetes Forschungsnetzwerk, mit dem rund 60 Wissenschaftler aus ganz Europa herausfinden wollen, wie Verschwörungstheorien entstehen, wie sie wirken und ob man sie entkräften kann. Seine Erklärung für ihre Anziehungskraft lautet: „Verschwörungstheorien erklären die Welt und sie schließen Chaos und Kontingenz aus, das heißt, die Dinge geschehen nicht zufällig, sondern wir können sagen, warum sie geschehen.

Und wenn wir jemanden verantwortlich machen können, der hinter allem steckt, so beinhaltet das – so schrecklich das auch aussehen mag, so mächtig die Verschwörung auch sein mag – doch zumindest noch die Hoffnung, dass eine andere Welt vorstellbar ist.“ Dann nämlich, wenn endlich alles ans Licht kommt und die Menschen die Beweise zur Kenntnis nehmen, sagt der Verschwörungstheoretiker. In seinem Eifer für die vermeintliche Wahrheit, lässt er sich so schnell nicht bremsen und beirren.

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Ein Artikel von
Matthias Zimmermann

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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