Das Foto des hämisch lächelnden Massenmörders Breivik auf der Titelseite einer Tageszeitung - geht das? Die zum rechtsradikalen Gruß geballte Faust des Mörders in einer Nachrichtensendung - ist das journalistisch verantwortungsvoll? Verletzt all dies die Gefühle der Angehörigen der zahlreiche Opfer, wird einem Verbrecher eine zu große Bühne geboten? Der Prozess gegen den norwegischen Islamhasser, der im vergangenen Sommer 77 Menschen umbrachte, stellt auch die Medien vor große Herausforderungen: Wie sollte über einen derart menschenverachtenden Mörder berichtet werden?
"Monsterhaftes Interesse" an der Monstrosität
Breiviks Fahrplan beim Massenmord
11.45 Uhr: Breivik fährt einen Mietwagen des Typs Fiat Doblò durch eine Station für Automaut Richtung Osloer Innenstadt. Er parkt das Auto am Hammersberg Torg und kehrt in den Stadtteil Skøyen im Westen Oslos zurück. Dort wohnt er bei seiner Mutter.
12.51 Uhr: Breivik schreibt den letzten Eintrag in sein 1500 Seiten umfassendes «Manifest».
14.08 Uhr: Das «Manifest» wird per Email an 1003 Adressaten verschickt. Breivik verkleidet sich als Polizist.
15.00 Uhr: Er fährt einen mit mehreren hundert Kilo Sprengstoff gefüllten VW-Transporter durch eine der automatischen Mautstationen Richtung Zentrum. Den ebenfalls gemieteten Wagen stellt er direkt vor dem Regierungs-Hochhaus ab und läuft zum Fiat am Hammersberg Torg. Im Polizeiverhör gibt Breivik später an, er habe die Transportzeiten zu niedrig berechnet.
15.26 Uhr: Die Bombe explodiert im Osloer Regierungsviertel. Doch wegen der Sommerferien sind viele Angestellte schon im Feierabend. Breivik steckt danach bei seiner Fahrt zur 40 km entfernten Insel Utøya im Stau nach einem Unfall.
16.40 Uhr: Breivik kommt in seiner Polizeiuniform an der kleinen Fährstation zur Insel an. Er stellt den Mietwagen ab und setzt auf der Fähre über. Als Gepäck führt er ein Schnellfeuergewehr, eine Pistole und große Mengen Munition mit sich.
17.08 Uhr: Ankunft des Attentäters auf Utøya.
17.27 Uhr: Die Polizei wird alarmiert. Unklar bleibt auch bei anderen Medienangaben, was in den ersten knapp 20 Minuten seit Breiviks Ankunft genau geschieht. Nach den ersten offiziellen Mitteilungen der Polizei hat der Massenmörder für die Tötung seiner 69 Opfer auf Utøya anderthalb Stunden Zeit.
18.09 Uhr: Angehörige der Polizei-Eliteeinheit «Delta» kommen zusammen mit örtlichen Polizisten an der Fährstation nach Utøya auf der Festlandseite an.
18.25 Uhr: Die Einsatzgruppe erreicht die Insel und sucht nach dem Täter.
18.27 Uhr: Breivik lässt sich mit erhobenen Händen festnehmen. Er hat beide Waffen weggelegt. Die Polizei setzt ihn mehrere Stunden in einem Holzhaus auf der Insel fest, ehe er nachts in die Osloer Polizeizentrale gebracht wird.
Dass über den Prozess berichtet werden muss, ist unstrittig. "Die Monstrosität des Verbrechens führt dazu, dass wir fast schon ein monsterhaftes Interesse daran haben", sagt der Medienwissenschaftler Alexander Kissler. "Wer so eine abscheuliche Tat begangen hat, zieht unser großes Interesse auf sich, weil wir natürlich nach Erklärungen dürsten: Warum hat er das gemacht?"
Medienexperte: Dem Affen in sich nicht immer Zucker geben
Aber der Experte schickt auch gleich eine Warnung hinterher: "Jetzt ist jeder Einzelne gefragt - Journalist wie Konsument - dem Affen in sich da nicht immer Zucker zu geben. Es wäre auch durchaus denkbar, es bei einer knappen Begleitung bewenden zu lassen und nicht jede abscheuliche Enthüllung sofort wieder zum Aufmacher zu machen." Es gebe kein Recht auf eine lückenlose Bebilderung oder Berichterstattung. "Man muss manchmal auch den Mut haben, gewisse Dinge wegzulassen."
Anders als in Deutschland sind in Norwegen Radio- und Fernsehübertragungen von Gerichtsverhandlungen mit Ausnahmen erlaubt - das heißt, es gibt viele Fotos und ausführliches Filmmaterial. Das kann für Medien zum Problem werden, warnt Kissler. "Man trägt dadurch leider zu dem falschen Eindruck bei, dass Perversion mit Aufmerksamkeit belohnt wird."
Dem Mörder keine Gelegenheit geben, zum Helden zu werden
Wissenschaftler plädieren dafür, dem Mörder keine Gelegenheit geben, zum Helden zu werden. "Man muss deutlich machen, dass sich hier ein Angeklagter vor dem Gericht für schlimme Schandtaten verantworten muss", sagt Kissler. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) mahnte eine zurückhaltende Berichterstattung an.
Norwegische Zeitungen berichteten zum Prozessauftakt fast ausnahmslos breit von den Ereignissen. Im Internetauftritt der "Aftenposten", der größten Zeitung des Landes, sprang den Leser noch am Dienstagmittag Breiviks selbstgefälliges Grinsen an, darunter lief ein Live-Ticker. Später wurde er nur noch schräg von hinten gezeigt, auch andere Medien zeigten im Internet nur normale Gerichtsszenen.
Die Zeitung "Dagbladet" gedachte gleich auf der Hauptseite der Opfer: Jedes einzelne wurde mit Bild und Text vorgestellt. dpa