Soll der Fall Natascha Kampusch neu aufgerollt werden? Ein parlamentarischer Ausschuss in Wien nimmt derzeit die Ermittlungen in dem spektakulären Kriminalfall um die Wienerin, die als Zehnjährige entführt wurde und sich achteinhalb Jahre später befreien konnte, unter die Lupe. Als einziger Täter gilt bisher der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, der sich nach der Flucht des Opfers das Leben nahm. Der Vorsitzende des Ausschusses, Werner Amon, zog die Einzeltäter-Theorie im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel in Zweifel. Der Nachrichtenagentur dpa sagte Amon: "Aus meiner Sicht ist der Fall nicht abzuschließen."
Justiz erwartet keine neuen Erkenntnisse
Zu welchem gemeinsamen Schluss der Ausschuss komme, sei jedoch noch offen. Der Unterausschuss des Parlaments soll eine Empfehlung abgeben, ob der Fall als abgeschlossen zu betrachten ist, ob ein Untersuchungsausschuss eingerichtet werden soll oder ob die Staatsanwaltschaft aufgefordert werden soll, den Fall neu aufzurollen. Aus Justizkreisen hieß es, es seien keine neuen Erkenntnisse zu erwarten: "Intensiver kann man einen Fall nicht ausermitteln".
Im Zuge der Ermittlungen um die Entführung der damals zehnjährigen Natascha Kampusch 1998 waren immer wieder Zweifel geäußert worden. Hauptfrage dabei war, ob es neben Priklopil, der sich nach Kampuschs Fluch vor einen Zug geworfen hatte, noch weitere Täter oder Mitwisser gab. Immer wieder wurden Verbindungen in die Pädophilen- und Sado-Maso-Szene vermutet.
Ausschuss-Vorsitzender: "Gesellschaft hat das Recht, die Wahrheit zu erfahren"
Ausschuss-Vorsitzender Amon sagte der dpa, es gebe ein "umfangreiches Dossier an Fragen", die aus seiner Sicht noch nicht gelöst seien. Die Gesellschaft habe "ein Recht, die Wahrheit zu erfahren." Er regt an, auch Angaben des Entführungsopfers selbst zum Täter in Frage zu stellen: "Ich bin der Meinung, es ist ihre Wahrheit, ihre subjektive Wahrheit, die ich so zur Kenntnis nehme." Die junge Frau "wird Gründe haben, das so darzustellen, wie sie es darstellt".
Dem gegenüber stehe das Recht der Bevölkerung, "die ganze Wahrheit zu kennen". Dabei gehe es auch darum, mögliche Gefahr für andere abzuwenden. Für das Justizministerium selbst ist die Mehrtäter-Theorie haltlos, wie Sprecherin Sabine Mlcoch der Nachrichtenagentur APA kurz vor Einrichtung des parlamentarischen Ausschusses sagte: "Es gibt keine Beweise. Man hat in diese Richtung alles geprüft."
FPÖ-Chef: Ermittlungsfehler deuten auf Vertuschung hin
Noch einen Schritt weiter in Sachen Wiederaufnahme der Ermittlungen geht der Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), Heinz-Christian Strache. In der deutschen Bildzeitung (Mittwochsausgabe) fordert er, dass Spezialermittler des deutschen BKA und des US-amerikanischen FBI den Fall als unabhängige Ermittler nochmals aufrollen. Zu massiv seien die Ermittlungsfehler, die laut Strache rund um die Entführung Kampuschs und den Suizid Priklopils gemacht wurden. "Der verstorbene Chefermittler Oberst Kröll war überzeugt, dass durch die Vertuschungsversuche Mittäter eines Pädophilen-Rings geschützt werden sollen", sagte der FPÖ-Vorsitzende dem Blatt. Demnach seien die Ermittlungspannen "nur durch die Einflussnahme der österreichischen Politik zu erklären". dpa