Augsburg Drei Jahre wartete sie. Sie arbeitete an ihrem Buch, wenn sie nicht im Krankenhaus lag. Das war nicht oft. Rund 20 Mal wurde sie operiert. Das Buch wurde im vergangenen Herbst trotzdem fertig. Was blieb, war das Warten. Und als vergangene Woche der Anruf aus Teheran kam, packte Ameneh Bahrami ihre Sachen und reiste in ihre Heimat. Um Rache zu nehmen an dem Mann, der ihr all das antat. So will es im Iran das Gesetz.
Es liegt nicht an ihrem Buch, dass man Ameneh Bahramis Gesicht kennt. Jenes bleiche Gesicht mit den verschwommenen Konturen und Haut, die an geschmolzenes Wachs erinnert. Es ist der grausame Anschlag, dem die junge Iranerin zum Opfer fiel und der weltweit für Aufsehen sorgte.
Ameneh Bahrami ist 24 Jahre alt und studiert Elektrotechnik in Teheran, als ihr Madschid Mowahedi in einem Park Säure ins Gesicht schüttet. Er tut es, weil sie ihn zurückwies. Zwei Jahre lang hat der Mitstudent ihr nachgestellt, hat sie mit Telefonanrufen, Besuchen und auch Heiratsanträgen überhäuft. Doch die junge Frau wollte nichts von ihm wissen. Also nimmt Mowahedi die kleine rote Kanne und füllt sie mit Säure.
Ameneh Bahrami zieht vor Gericht. Sie will Genugtuung, auch wenn in ihrer Heimat ein Mann viel und eine Frau wenig gilt. Ob es der Wunsch nach Gerechtigkeit oder der nach Rache ist, der sie antreibt, ist schwer zu sagen. Sie hat Erfolg. 2008 spricht ihr die iranische Justiz das Recht zu, ihren einstigen Verehrer blenden zu dürfen. In der islamischen Rechtsprechung existiert das „Auge um Auge“-Prinzip, das es dem Opfer erlaubt, dem Täter das gleiche Leiden zuzufügen.
In der Praxis macht Bahrami diese Theorie jedoch Probleme. Nach der Scharia, so erzählt die Iranerin unlängst einer spanischen Zeitung, „sind zwei Augen einer Frau nur eins eines Mannes wert“. Man sagt ihr, dass sie umgerechnet noch 20000 Euro zuzahlen muss, wenn sie auch das zweite Auge ihres Peinigers wolle. Letztendlich kommt es zu einem Vergleich, weil Mowahedi ihr noch Schmerzensgeld schuldet. Bahrami bekommt so auch das zweite Auge zugesprochen. Die Vollstreckung des Urteils lässt allerdings auf sich warten. Bis die iranische Justizbehörde vergangene Woche die Vollstreckung des Urteils anordnet.
Trotz der unzähligen Operationen ist Ameneh Bahrami auch heute noch entstellt. Tausend Nadeln haben sich an jenem Novembertag in ihr Gesicht gebohrt, schreibt die Iranerin in ihrem Buch – ein Gefühl, als ob ihr jemand die Haut vom Kopf reißen würde. Bahrami verliert ihr Augenlicht. Zudem verursacht die ätzende Flüssigkeit Verletzungen an Armen, Brust, der Speiseröhre und vielen anderen inneren Organen. Sie zieht nach Barcelona, wo sie ärztliche Hilfe erhält. Am 30. Mai soll sie dort erneut operiert werden.
Die Zerrissenheit zwischen Rache und Vergebung
Wenn Bahrami heute im Justizkrankenhaus in Teheran ihrem Peiniger gegenübertritt, werden sie ihre Eltern, ihr Bruder und zwei Reporter begleiten – die einen zur Unterstützung, die anderen, um die grausame Kunde in die Welt zu tragen. Madschid Mowahedi, der eine Gefängnisstrafe absitzt, soll mit einer Narkose betäubt werden, bevor ihm mit einer Pipette die Säure in die Augäpfel geträufelt wird. Wer das Werkzeug der Rache führen wird, ist unklar. Die blinde Bahrami zeigte sich zuletzt fest entschlossen: „Das wird für mich nicht nur eine Genugtuung für all das Leid, das mir angetan wurde, sondern auch eine Initiative, um Täter vor solchen Aktionen abzuschrecken“, sage die 32-Jährige in einer Erklärung, die die Nachrichtenagentur Isna gestern veröffentlichte.
Zuvor war lange unklar, ob Bahrami ihr Recht überhaupt in Anspruch nimmt. In ihrem Buch beschreibt sie ihre innere Zerrissenheit zwischen Rache und Vergebung. So soll ihr Großvater zu ihr gesagt haben, den „Wettstreit um die Menschlichkeit“ gewinne nur, wer verzeiht. Nicht der, der nimmt oder zerstört.
„Auge um Auge“ von Ameneh Bahrami ist im mvg Verlag erschienen.