Zahlreiche Firmen in Deutschland suchen händeringend nach gut ausgebildeten Mitarbeitern. Die Koalition will dem Fachkräftemangel durch verstärkte Zuwanderung begegnen. Andererseits kehren immer mehr Hochqualifizierte Deutschland den Rücken.
Augsburg Ein Fünf-Tages-Trip in die USA hat Konny Reimann gereicht. Kurzerhand fasste der Hamburger den Entschluss, mit der ganzen Familie dorthin auszuwandern. Und zwar ganz ohne Sprachkenntnisse. Millionen Deutsche kennen ihn inzwischen, denn dank der Auswanderer-Serie „Goodbye Deutschland“ (Vox) ist Reimann inzwischen zu einem Fernsehstar avanciert. Genauso wie die schrille Blondine Daniela Katzenberger, die sich von Doku-Soaps begleitet, als Café-Besitzerin auf Mallorca niederließ.
In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Zahl der Auswanderer mehr als verdreifacht. Repräsentativ für den Großteil deutscher Auswanderer sind diese TV-Sternchen allerdings nicht. „Die Realität sieht anders aus“, sagt Monika Schneid, die seit 17 Jahren beim Raphaels-Werk Menschen berät, die auswandern wollen.
Einen Großteil ziehe es wegen des Partners ins Ausland. Wer aber aus beruflichen Gründen das Land verlässt, ist selten gering qualifiziert, wie die Auswanderer-Serien im Fernsehen nahelegen. Im Gegenteil: Deutschlands Ab- und Auswanderer sind im Schnitt qualifizierter als der Rest der Bevölkerung. Das zeigt eine Arbeitskräfte-Erhebung in 32 europäischen Staaten. Danach hat knapp die Hälfte der deutschen Auswanderer einen Hochschulabschluss, bei der deutschen Bevölkerung sind es nur 29 Prozent. Der Berliner Soziologe Prof. Hans Bertram beklagt, dass Deutschland, ökonomisch gesehen, zum Auswanderungsland geworden sei. Der Migrationsforscher Klaus J. Bade beklagt einen „qualitativen Wanderungsverlust“: „Wir verlieren die Leute, die wir hier am dringendsten brauchen, und jammern dann über den Mangel an Fachkräften.“ Durch Zuwanderung von Hochqualifizierten könne dieser Verlust derzeit nicht kompensiert werden. Mit anderen Worten: Deutschland verliert seine klügsten Köpfe.
Dieser „Brain Drain“, wie Experten die Abwanderung hoch qualifizierter Fach- und Führungskräfte bezeichnen, wird auch für den deutschen Staat teuer. Verlässt eine 30-jährige Ärztin das Land, entgeht dem Fiskus unterm Strich mehr als eine Million Euro. Kehrt ein 23 Jahre alter Metall-Facharbeiter seiner Heimat den Rücken, verlieren die öffentlichen Kassen 281000 Euro. Diese Rechnung hat das Münchner Ifo-Institut aufgestellt. So profitieren junge Fachkräfte von der kostenlosen Ausbildung in Deutschland. Da sie durch ihre Auswanderung aber keine Steuern und Sozialabgaben zahlen, entstehen dem Staat hohe Ausfälle.
Warum viele Hochqualifizierte sich für einen Arbeitsplatz im Ausland entscheiden, verrät die Statistik nicht. Die Gründe sind vielschichtig. Monika Schneid vom Raphaels-Werk beobachtet, dass es vor allem Ingenieure ins Ausland zieht – weil sie dort mehr Geld verdienen, schneller Karriere machen und das Verhältnis zwischen Beruf und Freizeit ausgeglichener ist. „Vor allem diese Work-Life-Balance stimmt in Deutschland nicht“, sagt Schneid. Vor allem Mediziner zieht es ins Ausland, wo sie häufig bessere Arbeitszeiten, modernere Ausstattung, höhere Bezahlung vorfinden. Nach Angaben der Bundesärztekammer sind knapp 17000 deutsche Ärzte im Ausland tätig – Tendenz steigend. Jedes Jahr wandern rund 2500 Mediziner ab, bevorzugt in die Schweiz und nach Österreich. Die öffentliche Wahrnehmung, wonach es deutsche Ärzte vor allem nach Skandinavien und Großbritannien zieht, belegt die Statistik nicht.
Wie die Ruhr-Universität Bochum in einer Umfrage festgestellt hat, wollen 70 Prozent der Medizinstudenten nach dem Ende ihrer Ausbildung im Ausland arbeiten. Die Medizin-Ökonomin Dorothea Osenberg sieht angesichts dieser Ergebnisse die Patientenversorgung in Deutschland gefährdet.
Migrationsforscher Bade spricht von einem „paradoxen Missverhältnis zwischen Ausbildungsqualität, Attraktivität und Abwanderungsintensität“. So rangiert Deutschland zwar auf Rang vier der Talentschmieden nach China, den USA und Indien, wie eine Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young unter 1200 Führungskräften und Personalmanagern in forschungs- und entwicklungsintensiven Unternehmen ergeben hat. Doch nach der Ausbildung zieht es viele weg. Für Bade ist klar: „Deutschland muss attraktiver werden, nicht nur für ausländische, sondern auch für die eigenen Spitzenkräfte.“
Anders sieht das Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Die Sorge, dass Deutschland dauerhaft immer mehr Hochqualifizierte ans Ausland verliert, ist zurzeit unbegründet.“ Denn viele Akademiker ziehe es nur auf Zeit ins Ausland. Das belegt auch eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Demnach sind 78 Prozent der Deutschen, die zwischen 1996 und 2006 ausgewandert sind, wieder zurückgekehrt. Bei Deutschen mit Hochschulabschluss liege die Rückwanderungsquote sogar bei 85 Prozent. DIW-Forscher Schupp sieht in der Mobilitätsbereitschaft der Deutschen einen Vorteil für den heimischen Arbeitsmarkt: „Kehrt dieser eine Großteil der hoch qualifizierten Auswanderer wieder zurück, wirkt sich ihr Fortzug langfristig eher zum Vorteil Deutschlands aus“.
Im nächsten Teil unserer Serie gehen wir der Frage nach, wie ältere Arbeitnehmer besser in das Berufsleben integriert werden können.