Bayerns Finanzminister Markus Söder hätte keine passendere Krawatte wählen können, um Journalisten zu erklären, warum das mit den Griechen so nicht weitergeht. Sein hell- bis mittelblauer Binder trifft fast das Blau der griechischen Flagge zu Zeiten, als der bayerische Prinz Otto I. zwischen 1832 und 1862 König von Griechenland war. Dem Wittelsbacher gelang es nicht, das schon damals klamme Land trotz Gelder aus dem Ausland nachhaltig zu reformieren. In der Epoche sollen, wie Historiker schreiben, Zahlungen auf vertraute Weise im Athener Verwaltungsapparat verschwunden sein. Als Aufstände ausbrachen, ging Otto ins bayerische Exil.
Söder hat es da leichter. Ihn zieht es nicht als Retter nach Athen, doch will er als Finanzminister bayerische Steuerzahler davor bewahren, dass ihr Geld in Griechenland versickert. Deswegen hat sich die Bayerische Staatsregierung mit dem Ansinnen, einmal die mögliche Abkehr Griechenlands von der Währungsunion zu untersuchen, erfolgreich an das Ifo-Institut von Hans-Werner Sinn gewandt. Dass der Ökonom Athen als ein Fass ohne Boden betrachtet, von dem sich die Euro-Gemeinschaft trennen sollte, ist bekannt. Auch Söders Geduld scheint erschöpft zu sein, da helfen alle historischen und farblich-flaggenmäßigen Verbindungen zu dem Land nichts. Der Finanzminister hält einen Zahlungsstopp für Griechenland für unabdingbar. Es mache wenig Sinn, Blumen in der Wüste zu gießen. Hans-Werner Sinn würde ihm nicht widersprechen. Für das Ifo-Institut hat Professor Kai Carstensen Möglichkeiten durchgespielt, wie es mit dem finanziell schwer angeschlagenen Griechenland weitergehen könnte.
Nacheinem Szenario bleibt der Staat in der Währungsunion. Hier würden es die Verantwortlichen, wie es sich momentan darstellt, schwer schaffen, die notwendigen Reformen einzuleiten und die Vorgaben der anderen Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds zu erfüllen. Gegenwärtig macht das Land kaum Fortschritte, die unabdingbare „innere Abwertung“ herbeizuführen. Wirtschaftswissenschaftler verstehen darunter, dass Preise und Löhne deutlich sinken, sodass die Wirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, Leistungsbilanzüberschüsse erzielt und Schulden bezahlt werden können. Irland hat sich auf diese Weise nach einer tief gehenden Krise wieder das Vertrauen der Investoren erkämpft. Den Griechen ist das bisher nicht geglückt. Bleibt das so, hängt der Staat dauerhaft am Subventionstopf von Ländern wie Deutschland. Die Währungsgemeinschaft wird zu einer permanenten Transferunion.
Sollte Griechenland aber wider Erwarten die Auflagen der Geldgeber erfüllen, könnte es nach dem Planspiel des Ifo-Institutes auf lange Sicht doch noch den Weg aus dem finanziellen Ruin schaffen. Bei dieserVariante müssten jedoch hohe Hürden überwunden werden, was angesichts der chaotischen politischen Verhältnisse und damit des gebremsten Reformeifers schwierig erscheint. Ein Blick zurück stimmt wenig optimistisch. Obwohl sich Griechenland schon mehr als drei Jahre in den Fängen der Rezession befindet, sind die Preise immer noch nicht gefallen. Das ist fatal, weil die griechische Wirtschaft im Vergleich zu anderen Euro-Ländern nicht an Schlagkraft gewinnt.
Um zu verhindern, dass Athen auf lange Sicht auf Zuschüsse angewiesen bleibt, legen Ökonomen wie Carstensen dem Land in einemweiteren Szenario nahe, die Währungsunion zu verlassen. Danach führt Athen nach der Ifo-Sprachregelung eine Geldeinheit namens „NGD“, die neue griechische Drachme, ein. Die Währung würde sofort gegenüber dem Euro stark abwerten. Damit wäre es für Touristen attraktiver, in Griechenland Urlaub zu machen. Im Gegenzug müssen die Bewohner des Landes mehr für eingeführte Waren ausgeben, was wiederum einen Anreiz darstellt, etwa mehr Lebensmittel im eigenen Land zu erzeugen.
„Ich bin kein Grieche. Ich denke an bayerische Steuergelder“
Letztlich würde die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands nach natürlich harten Jahren steigen, wenn nicht politische Unruhen einsetzen und die Reformpolitik erschweren. Auf alle Fälle bergen alle drei Szenarien Risiken. Für die künftige Regierung in Athen kommt es, sagen Ökonomen, zu einer Wahl zwischen Pest und Cholera.
Wie würde sich Söder entscheiden? „Ich bin kein Grieche“, sagt er lächelnd. Und: „Ich muss an bayerische Steuergelder denken.“