Bei einer Veranstaltung in Augsburg zum Gedenken an die Erdbebenopfer in Japan trug Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) am Samstagabend in der Synagoge Psalmen vor, begleitet von dem Cellisten Julius Berger. Nach einer Probe sprach sie mit unserer Zeitung.
Frau Ministerin, warum geht Ihnen die Katastrophe in Japan so nah?
Schavan: Wenn ein Land von einem Erdbeben, einem Tsunami und einem schweren Nuklearunfall heimgesucht wird, dann kann das an niemandem vorbeigehen. Seit Wochen erreichen uns Bilder der Katastrophe. Gerade gestern habe ich mich mit dem ehemaligen japanischen Finanzminister in München getroffen, um mit ihm ein Forschungsforum im Herbst in Kyoto vorzubereiten. Zu den Bildern kommt also eine persönliche Betroffenheit hinzu. Es gibt so viele Kontakte zwischen unseren Ländern und so viele persönliche Beziehungen. Wir haben immerhin seit 150 Jahren diplomatische Beziehungen zu Japan.
Die Veranstaltung in Augsburg steht unter dem Titel: „Ich schrie, Hilfe!‘... ,Gnade!‘“ Was bedeutet für Sie Gnade?
Schavan: Gnade ist ein Geschenk. Gnade meint die Erfahrung, dass nicht allein zählt, was ich leiste.
Ihr Koalitionspartner, die FDP und vor allem Parteichef Guido Westerwelle, durchlebt schwierige Zeiten. Wird der Außenminister, Ihr Kabinettskollege, die Krise überstehen?
Schavan: Öffentliche Einmischung ist jetzt ganz schlecht. Vielleicht nur so viel: In schwierigen Zeiten beobachten die Bürger besonders genau, wie Politiker in einer Partei miteinander umgehen.
Glauben Sie, dass die FDP eine Zukunft hat? Ihre ureigenen Themenfelder haben andere besetzt. Steuern und Wirtschaft kann die Union, bei den Bürgerrechten haben sich die Grünen profiliert.
Schavan: Mit Sicherheit wird es die FDP weiterhin geben. Wenn man sich die Geschichte der FDP über Jahrzehnte hinweg anschaut, weiß man, dass es immer wieder schwierige Zeiten gab. Für die FDP gilt, wie für die gesamte politische Landschaft: Es ist enorm viel in Bewegung, es gibt neue Themen. Manch ein Thema wird stärker. Es wäre jetzt falsch, aus Erfahrungen aus kurzen Zeiträumen Schlüsse für die Zukunft ziehen zu wollen.
Wird die Koalition bis zum Ende der Legislaturperiode halten?
Schavan: Davon bin ich überzeugt. Wir haben einen Auftrag, den wir auch in turbulenten Zeiten nicht vernachlässigen dürfen. Die Bürger erwarten, dass wir uns diesem Auftrag widmen und nicht aufgescheucht durcheinanderreden. Bürger verlieren das Vertrauen in die Politik, wenn jeden Tag zig verschiedene Debatten geführt werden. Interne Beratung, Arbeit am Konzept geht vor. Nachdenklichkeit vor Schnellschüssen.
Sie haben kürzlich die Länder ermahnt, ihre Hausaufgaben zu machen: Die Universitäten müssen auf den doppelten Abiturjahrgang und die Aussetzung der Wehrpflicht vorbereitet werden. Sehen Sie Defizite?
Schavan: Ich habe an die Länder appelliert, ihre Hochschulen zu unterstützen. Für das kommende Wintersemester sind wir dank des Hochschulpakts gut vorbereitet, mit dem wir sowohl auf den doppelten Jahrgang als auch auf die Aussetzung der Wehrpflicht reagieren. Wir sollten uns alle vor Augen führen, dass es ein gutes Zeichen ist, wenn sich viele junge Menschen für ein Studium entscheiden. Wir müssen den Fachkräftebedarf decken und brauchen daher gut ausgebildete junge Leute. Der Bund hat erhebliche zusätzliche Investitionen zugesagt, und die wünsche ich mir auch von den Ländern.
Welche Rolle muss die Wissenschaft bei der Atomdiskussion übernehmen?
Schavan: Es besteht ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass wir den Umbau der Energieversorgung beschleunigen wollen. Denn es geht nicht nur um Laufzeiten oder Atomausstieg, sondern um neue Wege. Es geht um die bessere Nutzung erneuerbarer Energien, um technologische Entwicklung und mehr Energieeffizienz. Der Dialog zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ist für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes wegweisend. Ich habe die Akademie der Wissenschaft beauftragt, zur Verfügung zu stehen, um die Politik zu beraten. Der Umbau der Energieversorgung gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben. Die Wissenschaft spielt eine große Rolle bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben unserer Zeit.
Haben Studienfachrichtungen wie Kerntechnik oder Atomphysik noch eine Zukunft in Deutschland?
Schavan: Ich habe mit vielen Wissenschaftlern gesprochen: Alle haben die Bilder aus Japan gesehen und alle sind bewegt. Die Nachdenklichkeit bei den Fachleuten ist groß. Sie kannten das Restrisiko. Aber es war abstrakt. Jetzt ist es konkret. Bereits seit vielen Jahren ist die Kerntechnologie nicht mehr Schwerpunkt der Forschung. Es wird an alternativen Konzepten im Bereich der erneuerbaren Energien gearbeitet und darin sind wir weltweit führend. Aber es muss auch Kompetenz erhalten bleiben. Es gibt noch viele Jahre lang Kernkraftwerke in Deutschland und im Rest der Welt.
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