Augsburg Es war schon fast ein Tabubruch, den sich der künftige baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) da leistete: Er und seine grün-rote Koalition geben sich entschlossen, die Erkundung nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll in ganz Deutschland neu aufzurollen. Und zwar auch im Südwesten, also im „Musterländle“ selber. „Ein ehrlicher und bewundernswerter Vorstoß von Kretschmann“, lobte der Geophysiker Professor Gerhard Jentzsch von der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Gespräch mit unserer Zeitung.
In der Tat erklärten bisher die Landesfürsten ihre jeweiligen Länder stets für geologisch zur Endlagerung ungeeignet. Kein Wunder, dass das Bekenntnis zu einer bundesweiten Endlagersuche umgehend Bewegung in die seit Jahrzehnten schwelende Diskussion um den Umgang mit den strahlenden Überresten brachte. Denn damit würde eine parallele Prüfung von mehreren Standorten möglich. Und das setzt Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) unter Druck, nicht erst bis 2020 oder sogar bis 2030 in mehreren Schritten den Salzstock Gorleben mit dem Risiko erkunden zu lassen, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Tatsächlich kündigte Röttgen gestern postwendend an, sich dafür einzusetzen, dass die Endlagerung von Atommüll in das geplante Energiepaket Eingang findet. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Frage der Zwischen- und Endlagerung Teil eines nationalen Energiekonsenses in Deutschland würde.“ Dies solle nun in Gesprächen mit den Ländern thematisiert werden. Bis Mitte Juni will die Regierung einen schrittweisen Atomausstieg auf den Weg bringen. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stützt nun Röttgens Bereitschaft, das schwierige Thema in die Verhandlungen über einen Energiekonsens einzubringen.
Der Vorsitzende der Entsorgungskommission (ESK) der Regierung, Michael Sailer, sieht angesichts des geplanten schnellen Atomausstiegs ebenfalls den Zeitpunkt gekommen, um die Endlagerfrage neu zu überdenken. „Wenn man ein neues Atomgesetz macht, sollte da reingeschrieben werden, dass man einen Fahrplan für die Endlagerung braucht“, sagte Sailer.
Die Kehrtwende in Stuttgart dürfte nicht zuletzt in Baden-Württemberg für Zündstoff sorgen, denn der Südwesten hat möglicherweise geeignete Tongesteinsformationen, in denen in Hunderten Metern Tiefe der über Tausende Jahre strahlende Müll gelagert werden könnte. Das gilt auch für Teile Bayerns (siehe Grafik). Der Raum Ulm/Riedlingen wird bereits neben dem Landkreis Konstanz als möglicher Standort diskutiert. Aber: Laut Umfragen sind 65 Prozent gegen ein Endlager in ihrer Region.
Geophysiker: Für den Südwesten sprechen Tonschichten
Die Reaktionen reichten von erfreut über abwartend bis strikt ablehnend. Jentzsch, der ebenfalls Mitglied der ESK ist, hofft auf eine „Initialzündung“. Der Wissenschaftler gilt als Gegner der Endlagerung im Salzstock von Gorleben. Er hält Ton im Vergleich zu den beiden anderen möglichen Wirtsgesteinen Salz und Granit potenziell am geeignetsten zur Lagerung des strahlenden Materials: „Die Prüfungen, die in diese Richtung in Frankreich vorgenommen werden, verlaufen ermutigend.“ Dies bedeute nicht, dass diese Ergebnisse auf die Tonschichten in der Region Ulm übertragen werden könnten. „Doch um dies herauszufinden, brauchen wir neue, eingehende Untersuchungen“, sagte Jentzsch.
Das sieht das bayerische Umweltministerium anders. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und des bayerischen Landesamtes für Umwelt sind eindeutig: Bayern ist für einen Endlagerstandort nicht geeignet – und zwar aus geologischen, nicht aus politischen Gründen“, so reagierte das Haus des Umweltministers Markus Söder (CSU) auf die neu angefachte Debatte. Jentzsch jedoch hält die genannten Analysen für nicht ausreichend, um auf ihrer Basis Entscheidungen treffen zu können.
Doch die Atomwirtschaft, die bereits 1,5 Milliarden Euro für die Erkundung von Gorleben bereitgestellt hat, hält Kurs. Zweifel an dem Standort in Niedersachsen seien unbegründet. Es gilt als sicher, dass sich in der Bevölkerung der Region Ulm heftiger Widerstand regen wird, sobald die Prüfungen zur Eignung als Endlager konkrete Formen annehmen würden. Das ist natürlich auch Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) klar. Doch er gibt sich aufgeschlossen. „Es gab schon Überprüfungen, aber wenn man neue Untersuchungen benötigt, warum nicht?“ Schließlich sei Abschalten nur die eine Medaille. Gönner: „Wenn wir einen Konsens beim Aussteigen haben, brauchen wir auch einen Konsens beim Endlagern.“ (mit dpa)