Von Erich Wandschneider
Wertingen Die über zwei Jahre andauernden Auseinandersetzungen um den Umbau der Laugnakreuzung und den Bau einer Dreifeldbrücke („Overfly“) ruhen derzeit. Nach dem Bürgerentscheid im Dezember 2010 und dem Planfeststellungsverfahren 2011 liegt der Planfeststellungsbeschluss nun beim Verwaltungsgericht Augsburg: Die Richter haben über eine Klage des Bund Naturschutz zu entscheiden. Der Ausgang des Verfahrens und vor allem der Termin des Baubeginns stehen offen. Die WZ sprach mit Alfred Sigg, dem früheren Zweiten Bürgermeister von Wertingen. Es ging im Gespräch nicht um Technik, nicht um Für oder Wider, nicht um Lärmschutz am „Overfly“, auch nicht um die Rettung der Biotope und der Fledermäuse:
Der Streit um die Dreifeldbrücke hat sogar Freunde und Familien entzweit.
Alfred Sigg: Ja! Auch bei mir war das so! Meine Frau und fast alle meine Freunde sind der Meinung, dass das ein unnötiges Bauwerk ist. Während ich von Anfang an dafür war.
Manche Leute haben sich sogar mit sich selber entzweit, weil sie zunächst für das Projekt waren, dann aber wegen der hohen Kosten dagegen. Oder auch umgekehrt.
Alfred Sigg: Auch das ist richtig. Bei manchem Bürger hat ein Meinungswechsel stattgefunden. Zum Teil geht das auf die steigenden Kosten der Bauwerke und entsprechend die Kostensteigerung für die Stadt zurück. Diese Leute sind heute Gegner des „Overfly“. Andere Leute wiederum wandelten sich zu Brücken-Befürwortern, weil sie im flüssigeren Ablauf des Verkehrs ein Argument für den Umbau der Kreuzung entdeckten.
Das geht nun schon seit drei Jahren hin und her...
Alfred Sigg: Meine private Meinung: Ich selbst bin immer noch dafür. Aber wenn die Overfly-Lösung nicht kommen sollte, dann geht für mich die Welt auch nicht unter.
Streit! Die meisten Menschen ziehen die Harmonie vor. Aber in der Kommunalpolitik scheint Streit doch aus einem Projekt das Beste herauszuholen: Fehler werden minimiert.
Alfred Sigg: Manche Entscheidungen sind ja gerade durch Meinung und Gegenmeinung gewachsen. Auch mit der Dreifeldbrücke kamen aus der Diskussion und dem verschiedenen Meinungen heraus Erkenntnisse, die das Ganze weiterbrachten. Aus den Diskussionen heraus wurde und wird mancher gute Gedanke dann verwirklicht.
Ohne Streit hätte man wohl schon 2010 arglos drauflosgebaut. Heute hat man aber mit der Planfeststellung das Projekt auf Herz und Nieren geprüft. Und das Verwaltungsgericht wird noch weiter prüfen.
Alfred Sigg: Man muss das positiv sehen, dass da die Argumente und auch die Gegenargumente geprüft werden. Wir leben Gott sei Dank in einem Staat, in dem Meinung und Gegenmeinung geäußert werden können!
Aber es hält auf und macht die Projekte teurer!
Alfred Sigg: Die Auseinandersetzung ist der Preis der Demokratie, den wir gerne zahlen, damit keine überstürzten Entscheidungen getroffen werden. Ja, ich weiß, es gibt genügend Leute, die meinen: Wenn man lange genug prozessiert, dann hat der Staat kein Geld mehr für den Bau. Manche Gegner hoffen darauf. Aber das war auch schon bei der Umgehung von Rieblingen der Fall.
Es gibt ein gutes Beispiel für ein Projekt, das durch Streitigkeiten erst reifte: Der Anschluss der Staatsstraße 2033 an die Bundesstraße 2 bei Erlingen!
Alfred Sigg: Ich erinnere mich: Der Streit um die Trassenführung der B2 im Lechtal zog sich über zwei Jahrzehnte hin.
Es gab immer wieder heiß umkämpfte Projekte in der Wertinger Kommunalpolitik: Die Moschee, die Stadthalle, die Brechtstraße und in den 90er Jahren auch die südliche Umgehungsstraße der Staatsstraße 2033. Welche Diskussionen brachten Wertingen voran?
Alfred Sigg: Die Stadthallen-Diskussion war wichtig! Es war gut, dass die Wertinger früh einbezogen wurden und gerade deswegen nicht zu Wutbürgern wurden. Auch bei der Umgehungsstraße gab es lange Kontroversen zwischen den Anhängern der Nordtrasse und den Befürwortern der jetzigen Südtrasse. Aber heute ist der überwiegende Teil der damaligen Kontrahenten mit der Südumgehung zufrieden.
Hat sich der Bürger seit Ihren Zeiten in der Kommunalpolitik geändert? Ist er zum Wutbürger geworden, wie es oft heißt. Oder nimmt er nur sein Recht wahr und will mehr an der Gestaltung seines Lebensumfelds beteiligt werden.
Alfred Sigg: Ich glaube, dass in Wertingen der frühere und auch der jetzige Stadtrat dem Bürger keinen Anlass geben, zum Wutbürger zu werden. Der Wertinger wird rechtzeitig gehört und informiert. Und er hat das ganz legitime Ventil des Bürgerentscheids. Es gab bei der Rieblinger Umfahrung einen Bürgerentscheid, bei der Stadthalle und zuletzt bei der Dreifeldbrücke. Der Bürger ist beteiligt und hat keinen Anlass, zum Wutbürger zu werden!