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Interview mit Martin Kannegiesser: „Deutschland darf nicht vergriechen“

Interview mit Martin Kannegiesser

„Deutschland darf nicht vergriechen“

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    Martin Kannegießer.
    Martin Kannegießer. Foto: DPA

    So gut war die Verfassung der Metall- und Elektroindustrie lange nicht mehr. Der Wirtschaftszweig hat die Finanzmarktkrise mit Bravour bewältigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte unlängst in Genf vor der Internationalen Arbeitsorganisation die Sozialpartnerschaft deutscher Prägung und riet anderen Staaten, sich dieses Modell als Vorbild zu nehmen. Wir sprachen mit Gesamtmetall-PräsidentMartin Kannegiesser über die Zukunft der deutschen Schlüsselbranche, zu der die Autoindustrie und der Maschinenbau gehören. Am Freitag findet die Jahreshauptversammlung von Gesamtmetall in München statt.

    Unsere Wirtschaft gleicht einem Wachstumswunderland. Ökonomen halten einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von bis zu vier Prozent für möglich. Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans Heinrich Driftmann, glaubt, die Arbeitslosenzahl könne unter 2,5 Millionen sinken. Welchen Beitrag dazu leistet die Metallindustrie?

    Kannegiesser: Wir werden in unserer Branche bis Jahresende wieder die Zahl von 3,6 Millionen Mitarbeitern erreichen und uns damit auf dem Niveau vor Ausbruch der Finanzmarktkrise befinden. Insgesamt werden wir in diesem Jahr rund 120000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Jeden Monat kommen etwa 10000 neue Stellen hinzu. Dabei ist zu beobachten, dass die Zahl der Zeitarbeiter abnimmt. Firmen übernehmen Zeitarbeiter in größerem Umfang. Das zeigt, welches Grundvertrauen wir in die Zukunft haben. Selbst wenn ein Regenschauer kommt, verkriechen sich unsere Unternehmer nicht.

    Wie lange währt dieses Glück?

    Kannegiesser: Unsere Branche ist als erste – und das mit einer Wucht, die keiner vorhersagen konnte – in die Krise gerutscht. Wir haben diesen Absturz als eine von den Finanzmärkten ausgelöste tiefe Konjunk-turkrise interpretiert, nicht als eine Strukturkrise, wie viele glaubten. Unsere derzeitigen Angebots- und Firmenstrukturen sind wettbewerbsfähig und auf dem neuesten Stand. Also kam es darauf an, die Firmen finanziell über Wasser und unsere Belegschaften zusammenzuhalten. Dies ist uns gemeinsam mit Gewerkschaften und Politik weitgehend gelungen. Aber: Die nächste Krise kommt bestimmt, alles wird volatiler, unsicherer, schneller. Anpassungsfähigkeit und Flexibilität bleiben oberstes Gebot.

    Sie dämpfen die zum Teil euphorische Stimmung, dabei stehen erst im nächsten Frühjahr wieder Tarifverhandlungen mit der IG Metall an. Sie müssen also nicht befürchten, dass Ihre Aussagen als Einladung für hohe Lohnforderungen missverstanden werden.

    Kannegiesser: Der Aufschwung ist kein Selbstläufer. Wir haben keine Veranlassung, uns als die Größten, Stärksten und Besten zu präsentieren. Der Himmel ist zwar blau, aber es machen sich auch dunkle Wolken breit.

    Verdüstert die europäische Schuldenkrise den Wirtschaftshimmel?

    Kannegiesser: Genau. Hier besteht ein erhebliches Risikopotenzial. Unsere Industrie ist unmittelbar von der Entwicklung an den Kapitalmärkten abhängig, 80 Prozent unserer Produkte sind Investitionsgüter. Diese Projekte kommen nur zustande, wenn sich die Käufer auf für sie passende Finanzierungskonditionen stützen können. Hinzu kommt als weiterer Risikofaktor der Fachkräftemangel, den wir bereits spüren. So ist es etwa schwer, ausreichend Ingenieure zu bekommen. Mein Appell lautet daher: Auch wenn die Grundstimmung gut ist, dürfen wir nicht die Füße auf den Tisch legen.

    Was bedeutet das im Hinblick auf den Fachkräftemangel? Kanzlerin Angela Merkel warnt ja: „Es wartet nicht die ganze Welt darauf, bei uns arbeiten zu können. Wir müssen dazu auch einladen.“

    Kannegiesser: Wir müssen uns gezielt als Ergänzung Fachkräfte aus dem Ausland holen. Hier sehen wir es positiv, dass die Bundesregierung überlegt, die Hürden für den Zuzug von Experten aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland zu senken. So wäre es sinnvoll, dass derartige Spezialisten nicht mehr wie bisher nachweisen müssen, dass sie 66000 Euro im Jahr, sondern nur noch 40000 Euro verdienen. Das fordern die Arbeitgeber schon lange. Aber so wichtig Zuwanderung auch ist, darin liegt nicht die Lösung.

    Wie kann das Arbeitskräftepotenzial im Inland besser ausgeschöpft werden? Bis 2025 soll die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland im Zuge der Überalterung der Gesellschaft um unvorstellbare 6,5 Millionen sinken.

    Kannegiesser: Wir müssen noch intensiver auf Aufstiegsbildung setzen. Dabei gilt es beispielsweise, Facharbeiter zu Technikern und Techniker zu Ingenieuren weiterzubilden. Die Bildungspolitik muss sehr viel besser werden – es kann doch nicht sein, dass ein Fünftel aller Schulabgänger nicht in der Lage ist, eine Ausbildung zu machen!

    Und wie kann man Frauen stärker für technische Berufe gewinnen?

    Kannegiesser: Es ist entscheidend, ob es uns gelingt, mehr Frauen für technische Berufe zu gewinnen. Die Metallindustrie entspricht schon lange nicht mehr dem Klischee aus Stahl und ölverschmierten Händen. Wir sind eine Technologieindustrie. Um Frauen für uns verstärkt zu gewinnen, müssen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Wir tun dies durch flexible Arbeitszeitmodelle, permanente Weiterbildungsstrukturen oder Unterstützung betriebsnaher Kindergärten.

    Der Staat müsste mehr Geld in solche Projekte investieren und angesichts steigender Steuereinnahmen die Bürger am Aufschwung teilhaben lassen. Wie stark sollen die Steuern sinken?

    Kannegiesser: Aus meiner Sicht muss die Haushaltskonsolidierung Priorität genießen. Wir dürfen die erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung der letzten Monate nicht so in die Zukunft fortschreiben. Die nächste Krise kommt bestimmt, wenn sie auch hoffentlich nicht so stark wie die letzte ausfällt. Wie heißt es so treffend: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Deutschland darf, was die Staatsverschuldung betrifft, nicht vergriechen.

    Sollen viele Bürger gar nichts vom Aufschwung profitieren?

    Kannegiesser: Das Einzige, was ich gelten lassen würde, wäre eine deutliche Reduzierung der kalten Progression, die in einer Zeit von bedauerlicherweise wieder steigender Inflation die Nettoeinkommen speziell im Bereich unsere Facharbeiter einschnürt. Interview: Stefan Stahl

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