„Spektakulär“ nannte die Ärztezeitung in einer Schlagzeile unlängst die Erfolge beim Aortenklappen-Ersatz mittels Kathetertechnik. Denn: Zwei-Jahres-Daten der sogenannten PARTNER-Studie belegten für das Verfahren, bei dem eine erkrankte Herzklappe ohne offene Operation und folglich auch ohne Spaltung des Brustbeins und ohne Zuhilfenahme einer Herz-Lungen-Maschine ersetzt wird, bei inoperablen Patienten mit schwerer Aortenklappenverengung eine „dramatische“ Reduktion der Sterberate. TAVI heißt die Methode. Die Abkürzung steht für den Fachausdruck „Transkatheter-Aortenklappen-Implantation“ (englisch Transcatheter Aortic-Valve Implantation).
Professor Wolfgang von Scheidt und sein Kollege Professor Michael Beyer, Chefärzte am Herzzentrum Augsburg-Schwaben des Augsburger Klinikums, sprechen einvernehmlich von einem „sehr schönen Verfahren“. Schon seit drei Jahren wenden sie es auch in Augsburg an. Und zwar gemeinsam, wie der Kardiologe von Scheidt und der Herzchirurg Beyer betonen: „Es ist immer ein gemischtes Team vor Ort.“ Im Winterseminar des Herzzentrums, das im Kloster Irsee bei Kaufbeuren stattfand, zogen die I. Medizinische Klinik, die von Scheidt leitet, und die von Beyer geleitete Herzchirurgische Klinik Bilanz und stellten das TAVI-Programm des Herzzentrums vor.
Operation ist das Standardverfahren
Für jüngere, ansonsten gesunde Patienten ist die Operation das Standardverfahren. Das Risiko, dabei zu sterben, ist für diese Gruppe sehr gering. Etwa ein Drittel aller Patienten mit Aortenklappen-Verengung aber kann nicht mit vertretbarem Risiko operiert werden, berichtet von Scheidt – weil sie schon älter sind als 75 Jahre und zahlreiche Begleitkrankheiten haben. Für diese Hochrisiko-Patienten, die bei einer Operation ein Sterberisiko von über zehn Prozent hätten, suchte man daher dringend nach Alternativen. Denn ohne Behandlung ist die Prognose sehr schlecht. Es war ein französischer Arzt, der das Thema mit einem „positiven Fanatismus“, so von Scheidt, verfolgte und im Jahr 2002 schließlich erfolgreich war: Dr. Alain Cribier. Dann sei TAVI relativ schnell von Herzzentren übernommen worden.
Zwei Katheter-Methoden gibt es, um inoperable Patienten mit einer neuen Herzklappe zu versorgen: Beim „transfemoralen“ Verfahren wird ein Katheter von der Leiste aus durch die Gefäße bis zur erkrankten Aortenklappe vorgeschoben, beim „transapikalen“ Verfahren wird die neue Klappe – ebenfalls mittels Katheter – über die Herzspitze eingesetzt. Dazu ist ein kleiner Schnitt zwischen den Rippen erforderlich und, anders als beim transfemoralen Verfahren, auch eine Vollnarkose. Die kranke Klappe übrigens wird nicht entfernt, wie von Scheidt erläutert: Vielmehr wird sie in die Gefäßwand gedrückt und dient dort zur Verankerung der neuen Klappe.
Deutschland hat offenbar höchste Tavi-Zahlen
Heute sei Deutschland weltweit das Land mit den höchsten TAVI-Zahlen, so die Ärzte-Zeitung. Schätzungen zufolge seien von weltweit rund 40 000 bislang durchgeführten derartigen Eingriffen 12 000 in Deutschland ausgeführt worden. Im Augsburger Herzzentrum wurden bislang den Angaben zufolge insgesamt knapp 130 Aortenklappen implantiert; transapikal etwas mehr als transfemoral. Wer für welches Verfahren geeignet ist, wird für jeden individuellen Fall in einer interdisziplinären Konferenz besprochen. Der Patientenwille ist für die Wahl des Verfahrens nicht entscheidend: „Wer mit geringem Risiko operiert werden kann, sollte nicht mit TAVI behandelt werden“, sagt Beyer. Darüber seien Experten einig.
Denn obwohl das transapikale TAVI-Verfahren, wie Herzchirurg Dr. Herbert Quinz in Irsee berichtete, im Vergleich zur Operation grundsätzlich einige Vorteile aufweist – wie kürzere Narkosedauer, weniger Wundheilungsstörungen, weniger Schmerzen nach dem Eingriff und eine schnellere Mobilisation –, hat man mit der Operation eben schon langjährige, gute Erfahrungen. Bei TAVI dagegen sind die Nachbeobachtungszeiten noch relativ kurz. Wie lange werden die per Katheter implantierten Klappen halten? Genaues darüber weiß man noch nicht. Gerade für jüngere Patienten aber sei diese Frage von großer Bedeutung, heißt es.
Bei inoperablen Patienten spielt für die Wahl des TAVI-Verfahrens der Zustand der Gefäße eine wichtige Rolle: Sind sie von der Leiste bis zum Herzen groß genug und weitgehend frei von Verkalkungen, kann die transfemorale Methode gewählt werden, andernfalls die Implantation über die Herzspitze. In beiden Fällen dauert der Eingriff zwischen einer und eineinhalb Stunden. Beim Risiko, binnen 30 Tagen nach dem Eingriff zu sterben, gibt es Unterschiede: Es liegt beim transfemoralen Verfahren laut von Scheidt unter fünf Prozent, beim transapikalen Verfahren unter zehn Prozent. Das heiße aber nicht, dass das transapikale Verfahren gefährlicher wäre, sondern es handele sich um die „kränkeren Patienten“.
Von den Erfolgen des Klappen-ersatzes per Katheter sind die beiden Chefärzte beeindruckt. So sind die Patienten oft schon wenige Stunden nach dem Eingriff wieder erstaunlich fit. „Endlich hat man für Patienten, denen man früher nichts anbieten konnte, die man sozusagen ihrem Schicksal überlassen musste, eine sinnvolle Option“, sagt von Scheidt.
„Wir haben vor, bei TAVI eins der führenden Zentren Deutschlands zu werden“, so der Kardiologe weiter.Dafür stehe ein großes Team aus Herzchirurgen, Kardiologen, Anästhesisten und Pflege-Fachpersonal bereit. Schon jetzt gebe es Wartelisten für die Implantation.