Die Befürchtungen von Experten waren groß: Die Zeit des Corona-Lockdowns könnte eine gewaltige Belastung für Familien mit sich bringen. Konfliktpotenzial, das sich in einem Anstieg an Kindeswohlgefährdungen äußern könnte. Inzwischen gibt es Daten, die zeigen, wie sich die Situation im Landkreis Aichach-Friedberg entwickelt hat.
Der Leiter des Jugendamts, Bernd Rickmann, berichtete in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses des Kreistags, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Arbeit des Amts hatte und hat. In der Anfangszeit der Pandemie, ab Mitte März, wurden in Bayern bekanntlich alle Schulen und Kindertagesstätten geschlossen. Die Eltern mussten die Kinder selbst zu Hause betreuen, dabei häufig gleichzeitig arbeiten und die Schulkinder beim Homeschooling unterstützen. Das sorgte in vielen Familien für eine hohe Belastung und viel Konfliktpotenzial.
Corona-Folgen in der Familie: Jugendamt will Entwicklung beobachten
Nicht zuletzt deshalb war in Fachkreisen erwartet worden, dass es in dieser Zeit zu mehr Spannungen in den Familien kommt. Beim Jugendamt gingen aber nicht mehr Meldungen als sonst ein. Laut Rickmann kann derzeit noch nicht gesagt werden, ob das auch an der Unterbrechung der Informationsketten liegen kann, also daran, dass die Probleme nicht in den Schulen oder Kindertagesstätten (Kitas) aufschlagen konnten. Es könnte aber auch daran liegen, dass die Familien in dieser Krisensituation in der Lage waren, Ressourcen zu bündeln, die vorher nicht genutzt werden konnten. Da die derzeitigen Aussagen allerdings nur Momentaufnahmen sind, will das Jugendamt diese Entwicklung weiter beobachten.
Ausschussmitglied Andreas Santa (SPD) wollte von Rickmann wissen, ob auch mit den Jugendzentren im Landkreis gesprochen wurde. Seines Wissens nach seien hier durchaus mehr Probleme in den Familien festgestellt worden. Darüber könnte eventuell auch die Polizei Auskunft geben.
Der Jugendamtsleiter erläuterte, dass nicht alle Jugendstellen abgefragt werden können. 80 bis 85 Prozent der Meldungen über gefährdete Kinder kommen ohnehin von der Polizei, betonte er. „Aber auch von da kam nicht mehr. Das war überraschend“, erklärte Rickmann. Für die Meldungen, die in dieser Zeit eingingen, hatte das Jugendamt vorübergehend einen Krisendienst eingerichtet, dessen Mitglieder – laut Rickmann – undemokratisch und schnell Familien aufsuchen konnten, um auch präventiv wirken zu können.
Aichach-Friedberg: Jugendhilfe kann wieder regulär arbeiten
Grundsätzlich mussten ab dem 16. März für sieben Wochen alle regulären Leistungen des Jugendamts in der ambulanten und teilstationären Jugendhilfe eingestellt werden. Das betraf im Landkreis etwa 300 Familien. Der Regelbetrieb läuft aber bereits seit Anfang Mai wieder. Wie Rickmann berichtete, konnten viele ausgefallene Leistungen später nachgeholt werden oder Verdienstausfälle von öffentlichen Trägern durch Kurzarbeit aufgefangen werden. Zudem wurden diverse Hilfen, etwa in der Erziehungsberatung, online, per Skype oder in Videokonferenzen angeboten. Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche wohnen beziehungsweise den ganzen Tag betreut werden, hatten wegen der Schulschließungen mehr zu tun, da die Kinder auch vormittags im Haus waren.
Hier folgt der Landkreis analog zu den anderen schwäbischen Jugendämtern einer Empfehlung des Bayerischen Landkreistags und zahlt den Einrichtungen einen zehnprozentigen Aufschlag für ausgefallene Schultage. Generell hätten die regelmäßigen Absprachen der 14 schwäbischen Jugendämter und die Orientierungshilfen des Landkreistags die Arbeit in dieser Zeit für das Aichacher Amt erleichtert, so Rickmann.
Trotzdem hatten die Mitarbeiter viel zu tun. Nicht zuletzt wegen des Betreuungsverbots der Kitas, von dem im Kreis rund 6100 Kinder und deren Familien betroffen waren. Diese einschneidende Maßnahme und auch die Vorgaben für die Notbetreuung führte bei Eltern und Kita-Leitungen zu vielen Fragen. Diese landeten meist bei der Kindertagesbetreuung des Jugendamtes, die daraufhin kurzfristig mehr Personal brauchte. Im Haushalt des Kreisjugendamts erwartet Rickmann nach derzeitigem Stand kein Minus.
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