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Gersthofen: "Fünf vor zwölf": Demonstrierende fordern einen fairen Strompreis

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"Fünf vor zwölf": Demonstrierende fordern einen fairen Strompreis

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    Knapp 300 Demonstrierende fordern vor dem Industriepark Gersthofen einen Brückenstrompreis.
    Knapp 300 Demonstrierende fordern vor dem Industriepark Gersthofen einen Brückenstrompreis. Foto: Marcus Merk

    Die zwei Arbeiter tragen einen Gießanzug und stützen gemeinsam einen Sarg, der schwarz-rot-gold angemalt ist. Die beiden arbeiten für die Lech-Stahlwerke in Meitingen, der Sarg soll die deutsche Industrie symbolisieren. „Das passiert, wenn nicht gehandelt wird“, sagt Stefan Janik, Betriebsratsvorsitzender der Lech-Stahlwerke. 

    Knapp 300 Demonstrierende folgten am Montagmittag dem Aufruf der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IGBCE). Sie forderten vor den Werkstoren des Industrieparks Gersthofen einen fairen Strompreis für energieintensive Betriebe, einen sogenannten Brückenstrompreis. Viele Unternehmen haben seit der Energiekrise mit den stark gestiegenen Preisen zu kämpfen. Einige der Demonstrierenden halten Schilder hoch, mit Aufschriften wie „Ohne Strom kein Lohn“ oder „Strom ist unsere Lebensenergie“. 

    „Seit zwei Jahren versäumen es die Politiker, die Industrie mit dem Brückenstrompreis zu schützen“, kritisiert Betriebsratsvorsitzender Janik. Die Energiepreise seien explodiert. Sollte die Bundesregierung den Strompreis für energieintensive Betriebe nicht senken, werde es einen Domino-Effekt geben, der auch andere Produktionen betrifft. „Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird massiv geschwächt und Arbeitsplätze fallen weg“, sagt Janik. 

    Gewerkschafter Falke: „Wir haben massive Probleme“

    Wirtschaftsminister Robert Habeck habe den Ernst der Lage mittlerweile verstanden. Der Grünen-Politiker hatte zuletzt erneut für einen Industriestrompreis geworben. Janik hofft, dass nun auch Finanzminister Christian Lindner und Bundeskanzler Olaf Scholz einlenken. Lindner lehnt den Brücken- oder Industriestrompreis seit Langem ab, Scholz vermied bei der IG Metall zuletzt erneut eine klare Zusage.

    Torsten Falke, IGBCE-Bezirksleiter Augsburg, wählte in Gersthofen deutliche Worte, um den Ernst der Lage zu beschreiben. „Wir haben massive Probleme“, sagte er. Viele Unternehmen würden immer mehr unter Druck geraten, Arbeitsplätze seien in Gefahr, warnte Falke. „Es ist wichtig, dass wir ein Zeichen setzen.“ Er freute sich, dass sogar Arbeiter aus Nördlingen und Memmingen dem Aufruf seiner Gewerkschaft gefolgt waren und auch Arbeitgeber die Demonstration unterstützten. „Es ist fünf vor zwölf“, betonte Falke. 

    Richard Tschernatsch, Betriebsratsvorsitzender der Clariant GmbH in Gersthofen, ging noch weiter. Für ihn ist es bereits fünf nach zwölf. „Zweige, die viel Strom benötigen, merken die gestiegenen Energiekosten gewaltig“, sagte Tschernatsch. Viele Unternehmen seien unsicher, wie es weitergehe. „Die Sicherung von Arbeitsplätzen geht uns alle was an“, betonte Tschernatsch, der auch die Union kritisierte. Die habe den ökologischen Wandel während ihrer Regierungszeit jahrelang ausgebremst. Umso wichtiger sei es jetzt zu handeln. „Es ist keine Zeit für: Jetzt schaun mer mal, dann sehn mer scho.“

    2,4 Millionen Arbeitsplätze hängen an der Industrie

    Bereits im März hatten in Meitingen Hunderte von Beschäftigten aus der Chemie- und Metallindustrie auf einer Demonstration faire Strompreise für ihre energieintensiven Betriebe gefordert. Dort hatte damals auch Ministerpräsident Markus Söder Unterstützung zugesichert. 

    Die Demonstration vor dem Industriepark Gersthofen in Bildern

    Vor dem Industriepark Gersthofen fordern knapp 300 Demonstrierende einen fairen Strompreis für ihre Betriebe.
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    Vor dem Industriepark Gersthofen fordern am Montag knapp 300 Demonstrierende einen fairen Strompreis für ihre Betriebe. Eindrücke von der Versammlung.

    „Danach hätte man meinen können, Söder legt die Stromleitungen persönlich“, scherzte Harald Sikorski, IGBCE-Landesbezirksleiter Bayern. Dabei war ihm nicht zum Spaßen zumute. „Große Teile der deutschen Wirtschaft befinden sich im Sinkflug“, sagte er. 2,4 Millionen Arbeitsplätze würden in Deutschland direkt oder indirekt mit energieintensiven Branchen zusammenhängen, betonte er. Sollte es keinen Brückenstrompreis geben, wären Standort-Schließungen und Massenentlassungen die Folge. Dabei sei die Grundstoff-Industrie wichtig, um die Transformation für mehr Nachhaltigkeit voranzutreiben. „Ohne sie fährt kein E-Auto, dreht sich kein Windrad“, betonte Sikorski.

    Ein Brückenstrompreis wäre kein Allheilmittel, räumte er ein, aber Medizin in großer Not. Zugleich nannte Sikorski mehrere Bedingungen für Unternehmen, an die ein Brückenstrompreis geknüpft werden sollte: Standort- und Tariftreue und eine verbindliche Zusage zur Transformation.

    Strohmayr und Rittel wollen sich für fairen Strompreis einsetzen

    Diese Bedingungen nannte auch die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr aus Stadtbergen. „Schwaben ist ein Industrieland, Gersthofen ein wichtiger Industrie-Standort“, sagte sie. „Das muss auch so bleiben.“ Sie werde sich deshalb dafür einsetzen, dass der Staat den Industrien unter die Arme greift. Das betonte auch der Landtagsabgeordnete Anton Rittel von den Freien Wählern aus Adelsried. „Der Industriestrom ist verdammt wichtig, um Standorte zu erhalten“, sagte er.

    Die IGBCE will so lange demonstrieren, bis ihre Forderung bei der Bundesregierung Gehör findet. „Wenn es sein muss“, sagte Landesbezirksleiter Sikorski, „fahren wir nach Berlin, dass etwas vorwärtsgeht.“

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