Christiane Benner baut Olaf Scholz eine Brücke, über die er gehen soll. Die neue IG-Metall-Vorsitzende will verhindern, dass der Bundeskanzler über sieben Brücken schreitet, ehe er endlich der Gewerkschaft konkret zusagt, ob und wie die Bundesregierung den Strompreis für energieintensive Unternehmen mit Milliarden subventioniert. So soll nach dem Willen der IG Metall verhindert werden, dass Produktion in Deutschland stillgelegt und ins Ausland, wo deutlich niedrigere Energiekosten locken, verlagert wird. Auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall in Frankfurt ruft Benner ihren SPD-Parteifreund, den hier zunächst alle "lieben Olaf" nennen, zum baldigen Handeln auf.
Ehe Scholz vor den Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern spricht, versucht die IG-Metall-Chefin maximalen Druck gegenüber "dem lieben Olaf" aufzubauen: "Wir beobachten mit großer Sorge die Energiepreis-Entwicklung in den Betrieben. Unsere Erwartung ist, dass wir von Dir heute eine Aussage bekommen." Auch wenn der Kanzler die Ratschläge von Christiane Benner als Vertreterin der mächtigsten deutschen Gewerkschaft sicher ernst nimmt, überlassen die Dramaturgen des Gewerkschaftstages nichts dem Zufall. Daher baut sich eine lautstarke Gruppe mit einem langen Plakat auf. Dort steht die eindeutige Botschaft an den Kanzler: "Stahl ist Zukunft. Brückenstrompreis jetzt." Um das zu unterstreichen, rufen die Protestierenden laut: "Stahl ist Zukunft." Diese Industrie braucht besonders viel Energie und leidet unter dem Entzug einst billigen russischen Gases. Die Vertreter der Branche fordern einen staatlich subventionierten Brückenstrompreis als Übergangslösung, bis etwa 2030 ausreichend günstige Energie aus Windkraft zur Verfügung steht. Für etwa sechs Jahre soll der Staat eine milliardenschwere Zuschuss-Brücke bauen, damit die Unternehmen auch 2030, wenn wohl ausreichend günstiger Öko-Strom zur Verfügung steht, noch existieren.
Für die IG Metall ist die Lage dramatisch
Aus Sicht der IG Metall ist die Lage dramatisch. Wenn nicht bis spätestens Ende des Jahres klare Signale der Bundesregierung kämen, würden Unternehmen reihenweise Produktion ins Ausland verlagern. Benner appelliert an Scholz: "Wir müssen die Deindustrialisierung stoppen. Wir wollen Industrie nicht abwickeln, sondern gestalten." Und sie fügt fast schon flehend hinzu: "Wir wollen den Brückenstrompreis jetzt. Ohne ihn laufen wir in eine Sackgasse."
Scholz hat nicht sein Jetzt-muss-dringend-etwas-passieren-Gesicht aufgesetzt. Aber wann macht er das schon? Der Kanzler wählt auch für die IG Metall seinen bewährten Jetzt-aber-mal-mit-der-Ruhe-Gesichtsausdruck. Dabei muss er spüren, dass die Stimmung im Saal aufgeheizt ist. Scholz steuert mit Gelassenheit das Podium an. Die lauten Rufe der Demonstranten nimmt er ruhig zur Kenntnis, um sich zunächst einmal ausführlich mit dem Motto des Gewerkschaftstages, nämlich "Zeit für Zukunft", auseinanderzusetzen. Er darf für sich in Anspruch nehmen, sich eindringlicher als jeder andere in Frankfurt mit dem Slogan zu beschäftigen - und das, obwohl der Spruch unspektakulär wirkt. Ist nicht immer Zeit für Zukunft? Lässt sich die Parole nicht fast jedem Kongress, ob der pharmazeutischen Industrie oder dem Aquarien-Bund, voranstellen?
Olaf Scholz ist von der Zukunft begeistert
Scholz ist jedenfalls schwer angetan von dem Motto, das die IG Metall "nicht hätte klüger wählen können", schließlich gebe es Kräfte, die sich aufmachten, die Zukunft zu verbauen. Das alles bringt den Kanzler zur Einschätzung: "Zeit für Zukunft ist genau das, was wir für Deutschland brauchen." Delegierte schauen ihn fragend an. Je länger Scholz über die Zukunft philosophiert, desto unruhiger werden die Gewerkschafter. Sie wollen, dass der Kanzler endlich etwas zum Industrie-Strompreis sagt, doch der SPD-Mann belässt es einstweilen bei der Feststellung: "Deutschland ist ein Industrieland." Damit trägt er Eulen nach Athen, ist die IG Metall doch eine Industrie-Gewerkschaft. Nun findet Scholz eine Verbindung seiner bisherigen beiden Erkenntnisse und wagt die Schlussfolgerung: "Es geht jetzt darum, dafür zu sorgen, dass es eine industrielle Zukunft in Deutschland gibt." Hat er sich damit selbst eine Brücke zu dem von der IG Metall ersehnten Brückenstrompreis gebaut?
Scholz nähert sich nicht einmal dem Bauwerk, sondern bedankt sich beim ausgeschiedenen IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann für die "freundschaftliche Zusammenarbeit". So geht das eine Weile weiter. Der Kanzler gibt seinen Jetzt-aber-mal-mit-der-Ruhe-Gesichtsausdruck nicht auf. Er redet über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und anderes Gedöns, alles Themen, die IG-Metaller derzeit nicht vorrangig interessieren. Als Scholz auch noch über die Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland spricht, werden die Fragezeichen in den Gesichtern mancher Delegierter größer. Plötzlich bekommt er irgendwie die Kurve, verzichtet auf einen Ausflug ins 18. Jahrhundert und lässt die Gewerkschafter wissen: "Wir denken darüber nach, wie kein Unternehmen, das einen hohen Energieverbrauch hat, in einer Übergangszeit schließen muss." Hier sei eine Kombination aus Einzelmaßnahmen möglich. Die Bundesregierung suche intern nach einer Lösung, die auch von der EU-Kommission genehmigt werde.
Die Fragezeichen in den Gesichtern der Metaller sind nun riesig. Es ist klar, dass der Kanzler kein konkretes Subventions-Geschenk mitgebracht hat. In dem Moment der Enttäuschung baut sich eine andere Protest-Mannschaft frontal vor dem Podium auf und skandiert: "Wir sind hier, wir sind laut." Scholz spricht weiter, ohne laut zu werden. Am Ende bekommt er eine von IG-Metall-Azubis gebastelte Brücke mit Gewerkschafts-Logo als ständige Ermahnung für seinen Schreibtisch geschenkt. Der Kanzler, den jetzt keiner mehr als "lieben Olaf" anspricht, sagt "Schönen Dank für die Brücke" und gelobt, sich "an eine große Puzzle-Arbeit für die Unternehmen und den Haushalt der Bundesregierung" zu machen. Beim Puzzeln für einen günstigeren Industrie-Strompreis braucht er Finanzminister Christian Lindner als Mit-Puzzler. Der steht bisher standhaft auf der Ausgabenbremse.