Der Augsburger Rechtsanwalt Stefan Mittelbach versucht, die Tochter von einem der mutmaßlichen Polizistenmörder aus der Untersuchungshaft wieder freizubekommen. Die junge Frau, Tochter des inhaftierten Raimund M. (58), war bereits am Montag festgenommen worden. Der Tochter wird wie berichtet keine direkte Beteiligung an dem Polizistenmord vorgeworfen. Der Haftbefehl, der schon gestern bestätigt wurde, bezieht sich alleine auf den Besitz der Waffen. Die Ermittler fanden vor zwei Wochen bei der jungen Frau mehrere Kalaschnikow-Sturmgewehre, Pistolen und Handgranaten. M. und sein Bruder Rudi R. (56) sollen die Waffen dort versteckt haben. Der Augsburger Rechtsanwalt Stefan Mittelbach, der die Frau vertritt, sagte gegenüber unserer Zeitung: "Ich stehe mit der Staatsanwaltschaft in Kontakt und versuche, eine schnelle Lösung für meine Mandantin zu finden"
Kriegswaffenarsenal versteckt
Es war ein ganzes Kriegswaffenarsenal, welches die Ermittler vor rund zwei Wochen entdeckten. Sturmgewehre vom Typ Kalaschnikow, Pistolen, Handgranaten. Versteckt waren die Waffen bei der Tochter von Raimund M., einem der Verdächtigen im Fall des Augsburger Polizistenmord. Zunächst sah es so aus, als ob die Tochter nichts davon wusste. Doch nun folgte der Paukenschlag: Polizisten suchten die junge Frau auf und präsentierten ihr einen Haftbefehl. Auch sie sitzt jetzt hinter Gittern.
Nach Informationen unserer Redaktion werfen die Ermittler der Frau vor, dass sie etwas von dem Waffenversteck gewusst haben muss. Ein Ermittlungsrichter des Amtsgerichts erließ deshalb Haftbefehl. Allein der Besitz solcher Waffen und Sprengkörper wird als Verbrechen nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz bestraft. Die junge Frau ist Studentin und wohnt im Raum Augsburg. Was ihr genau vorgeworfen wird, blieb zunächst unklar. Weder Staatsanwaltschaft noch Polizei äußerten sich am Dienstag auf entsprechende Anfragen unserer Redaktion. Am heutigen Mittwoch soll die Presse offiziell informiert werden, hieß es.
Jetzt sitzen drei Personen in Untersuchungshaft
Damit sitzen im Fall des Polizistenmordes jetzt drei Personen in Haft. Die Ermittler sind sich sicher, dass Raimund M. (58) zusammen mit seinem Bruder Rudi R. (56) den Polizeibeamten Mathias Vieth erschossen hat. Anfang Dezember kamen die Fahnder der Soko „Spickel“ den Männern auf die Spur. Sie wurden rund drei Wochen lang abgehört und observiert. Am 29. Dezember schlug die Polizei zu und verhaftete die Brüder. Schon kurz nach der Verhaftung der Männer wurde darüber spekuliert, ob es in dem Fall weitere Mitwisser oder Helfer geben könnte. Rudi R. lebte bei seiner demenzkranken Mutter in Augsburg. Raimund M. lebte in Friedberg ein unauffälliges, bürgerliches Leben. Er ist verheiratet – und hat eine erwachsene Tochter.
Reinhard Nemetz, der Leitende Oberstaatsanwalt hatte zuletzt immer wieder bestätigt, dass die Ermittler auch das Umfeld der Verdächtigen durchleuchten. Es ging dabei vor allem um die Frage, wer von den geheimen Waffenlagern der Brüder wusste – und woher die Männer ihr Waffenarsenal hatten. Insgesamt hatte die Polizei Dutzende Waffen in drei Verstecken entdeckt. Die Ermittler vermuten, dass es noch weitere Waffendepots geben könnte. In der vergangenen Woche waren die Behörden deshalb mit Fotos und Namen der beiden Männer an die Öffentlichkeit gegangen.
Frage nach der Tatwaffe weiter unbeantwortet
Der Waffenfund bei der Tochter ist besonders heikel: Dort stießen die Fahnder auf drei Kalaschnikow-Gewehre. Die Munition dieser Gewehre passt von der Größe her genau zu den tödlichen 7,62-Millimeter-Patronen, die am Tatort im Augsburger Siebentischwald gefunden wurden. Ob eine der Kalaschnikows die Tatwaffe ist, blieb aber offen. Experten sollten die Waffen untersuchen. Zu Ergebnissen schwieg die Staatsanwaltschaft bisher.
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Die Nachricht von der Verhaftung seiner Tochter setzt Raimund M. nun unter großen Druck. Er ist im Unterschied zu seinem Bruder, der bereits im Jahr 1975 einen Augsburger Polizisten erschoss und insgesamt über 20 Jahre im Gefängnis saß, nicht „hafterfahren“, wie es im Juristenjargon heißt. M. war noch nie zuvor im Gefängnis. Zudem soll er, wie mehrere Bekannte berichten, seit Jahren an der Krankheit Parkinson leiden. Den 58-Jährigen trifft die Haft damit deutlich härter. Die Ermittler setzen darauf, dass er doch noch auspackt. Bisher schwiegen die Brüder jedoch eisern.