Er ist einer von uns. Das war der durchgängige Tenor aller Gratulationen, die Prälat Bertram Meier als neuen Bischof von Augsburg begrüßten. Damit verbindet sich die Hoffnung, Meier werde nahe bei den Leuten sein. Denn seinen Vorgänger Konrad Zdarsa, damals auf die Schnelle aus Sachsen versetzt, um in der Diözese Augsburg nach Walter Mixas unrühmlichem Abgang die Verhältnisse zu ordnen, erlebten viele Menschen als einen Mann, der Distanz zu ihnen hielt. Selten sah man Zdarsa einfach so durch die Stadt spazieren und mit den Leuten ins Plaudern kommen.
Bertram Meier indes trifft man oft in der Öffentlichkeit mit einem freundlichen, zugewandten Gesicht. Als Domprediger, der bildreich und anschaulich vom Evangelium spricht, hat er sich Sonntag für Sonntag sowieso längst eine große Hörergemeinde erworben. „Bertram Meier versteht es – oft auch situativ spontan und begleitet von entspanntem Humor – die Menschen zu erreichen“, würdigte ihn Oberbürgermeister Kurt Gribl. Und weiter: „Er ist ein Mann der Kirche in unserer gesellschaftlichen Mitte. Das gibt mir große Zuversicht für ein gutes Zusammenwirken hier vor Ort, das der Stadt wie ihren Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen nutzt.“
Sicherlich ist der künftige Bischof Bertram Meier nicht allein für die Stadt Augsburg zuständig. Er hat eine weitläufige Diözese im Blick zu behalten mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen für die katholische Kirche. Meier hat sie auf über 50 Visitationen in zahlreichen Dekanaten zur Genüge kennengelernt. Was er auf dem Land erlebt hat, wie immer weniger Priester sich um die Seelsorge bemühen, wie sie Menschen für das Ehrenamt gewinnen und neue Formen von Gottesdiensten entwickeln – all das wird auch in der Stadt bald Wirklichkeit werden. Auch hier vergrößern sich die Seelsorgesprengel. Auch hier braucht es ein neues Gemeindeverständnis, das nicht mehr einer alles macht, sondern viele einbezogen werden.
Die katholische Kirche verliert unaufhörlich Mitglieder
Bertram Meier muss nicht nur die Gläubigen davon überzeugen, dass die Kirche eine Zukunft hat. Auch wenn sie unaufhörlich Mitglieder verliert. Wurde doch diese Woche bekannt, dass 2019 am Augsburger Standesamt 2627 Bürger ihren Austritt aus der katholischen und evangelischen Kirche erklärten; das sind 465 mehr als im Vorjahr. Bei allen Ärgernissen leistet die Kirche doch nach wie vor viel Segensreiches für die Gesellschaft. Etwa in ihren Kindertagesstätten, ihren Schulen, ihren Beratungsstellen, ihren Verbänden, Sozialdiensten und der Caritas. Ihr Handeln leitet der andere, christliche Blick auf den Menschen und eine unterscheidend andere Haltung, gegründet auf Nächstenliebe und der festen Hoffnung, dass eine gute Zukunft uns erwartet.
Freilich: Die Katholiken in Augsburg ticken durchaus unterschiedlich. Es gibt das Gebetshaus mit seiner charismatisch-evangelikalen Art, Gott zu verehren, ebenso wie die Reformgruppen, die lieber heute als morgen schon geweihte Frauen am Altar sähen. Es gibt die Anhänger der alten lateinischen Messe, die in einer verklärten Vergangenheit das Heil suchen, ebenso wie die Christen von heute, die eine Kirche wünschen, die in der Gegenwart angekommen ist und die Freiheit ihrer Gläubigen akzeptiert. Bertram Meier braucht ein weites katholisches Herz, um sie alle darin einzuschließen, die Gegensätze auszugleichen und unversöhnliche Haltungen zu überwinden.
In Augsburg, der vielkulturellen Migrantenstadt, trifft der neue Bischof auch sonst auf vielfältige Mentalitäten. Am Runden Tisch der Religionen hat er sie in den vergangenen Jahren bereits kennengelernt und der interreligiöse Dialog mit allen seinen Problemen ist ihm vertraut. Meier bewährte sich als aufmerksamer Zuhörer, der freimütig seine Fragen stellt und bei der Friedenstafel auf dem Rathausplatz sich gern an den Grüßen und dem Segen der Religionen beteiligt.
Ein Herzensanliegen ist ihm die alljährliche Kundgebung in Solidarität mit den verfolgten Christen aller Kirchen insbesondere im orientalischen Raum. Viele von ihnen haben in Augsburg Zuflucht gefunden. Überhaupt hat Meier ein waches Gespür für die Weltkirche und schaut über den Tellerrand hinaus. Er mag bodenständig sein, ein Provinzler ist er nicht.
Die Ökumene in Augsburg erhält mit Bertram Meier neuen Schwung
Das ökumenische Gespräch dürfte mit Meier einen neuen Schwung erhalten. Er stammt selbst aus einer katholisch-evangelischen Familie und kennt die schmerzliche Trennung. Stark schlage sein ökumenisches Herz, sagte Regionalbischof Axel Piper über Meier. „Ich hoffe, dass wir den eingeschlagenen Weg der Ökumene gemeinsam in aller Offenheit und Freundschaft weitergehen.“ Bis zum gemeinsamen Abendmahl dürfte es freilich dauern. Meier hält nichts davon, ohne eine theologisch solide Grundlage vorzupreschen. Diesbezüglich widersteht er allem Drängen. Auch wenn dies nicht jeder versteht.
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