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Augsburg

20.09.2020

Der globale Klimawandel wird auch Augsburg hart treffen

Straßenbäume in der Amagasaki-Allee leiden schon heute unter Trockenstress. Das könnte durch den Klimawandel noch viel schlimmer werden.
Bild: Bernd Hohlen

Plus Experten haben ein Klimaszenario für Augsburg erstellt. Es drohen Probleme in wichtigen Lebensbereichen. Wird es hier so warm wie auf dem Balkan?

Draußen vor dem Augsburger Rathaus fordern Aktivisten des Klimacamps, endlich mehr gegen den fortschreitenden Klimawandel tun. Drinnen im Rathaus stellt ein Experte vor Stadträten ein neues Klima-Szenario vor, das speziell für Augsburg entwickelt wurde. Folgt man seinen Daten, muss sich die Stadt auf erhebliche Probleme für die Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt einstellen - und sich möglichst bald dagegen wappnen.

Der erste Teil der neuen Studie zu den Auswirkungen der Klimaerwärmung in Augsburg wurde kürzlich im Umweltausschuss des Stadtrats vorgestellt. Was mittelfristig und langfristig an existenziellen Herausforderungen auf die Stadt zurollen kann, ist unter dem Titel "Klimawandel-Anpassungskonzept" zusammengefasst. Dafür seien zwölf wissenschaftliche Klimamodelle mit globalen und regionalen Daten zusammengeführt und daraus Annahmen für Augsburg entwickelt worden, erläutert Fritz Reusswig von der Gesellschaft für sozio-ökonomische Forschung (GSF).

Dass die ursprünglichen Ziele des internationalen Pariser Klimaabkommens aus dem Jahr 2015 noch eingehalten werden können, glaubt heute kaum einer mehr. Dann müsste der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt werden. Deshalb gehen die Experten für Augsburg von einem Szenario aus, wonach der Klimaschutz weltweit etwas vorankommt. Ein zweites Szenario beleuchtet die Zukunft Augsburgs, falls der Ausstoß von Treibhausgasen (CO2) international so weiter geht, wie bisher. Und da sieht die Prognose mittel- und langfristig für Augsburg alles andere als gut aus.

Klima in Augsburg: Temperaturen wie auf dem Balkan?

"Das Erdsystem ist wie ein träger Tanker", sagt Reusswig. Deshalb seien die ansteigenden Temperaturwerte bis etwa zum Jahr 2050 in allen Szenarien ähnlich. In den Augsburger Sommern wird die Durchschnittstemperatur wohl um etwa zwei Grad steigen, von knapp 17 Grad Celsius (im Jahr 2000) auf knapp 19 Grad Celsius (2031). In etwa 20 bis 30 Jahren werden die Werte dann aber, je nach Szenario, drastisch auseinanderdriften, sagt der Experte voraus.

Ein Beispiel: Aktuell gibt es in Augsburg im Sommer durchschnittlich zehn Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad. Wenn die Klimapolitik international etwas vorankommt, werden es 2050 im Schnitt bis zu 14 heiße Tage sein. Sollte alles weiterlaufen, wie bisher, könnten die Augsburger im selben Zeitraum an bis zu 18 heißen Tagen schwitzen. Das sind fast doppelt so viele Hitzetage wie heute. Im schlimmsten Fall könnte bis zum Ende des Jahrhunderts eine "Balkanisierung des Klimas auf Augsburg zukommen", so Russwig. Dann seien ähnliche Verhältnisse wie heute in der Industriestadt Tuzla in Bosnien-Herzegowina mit über 40 Hitzetagen zu erwarten - oder wie in Italien in der Region bei Venedig.

Mehr Hitzetote sind auch in Augsburg zu erwarten

Hitze ist aber nicht das einzige Problem. Nach den Prognosen werden in Augsburg die Trockenperioden für Pflanzen zunehmen, aber auch Starkregen, der zu Überschwemmungen führen kann. Stürme sollen tendenziell stärker werden, was ebenfalls das Risiko von Schäden erhöht. Sollten diese Szenarien Wirklichkeit werden, sind die Folgen dramatisch. Reusswig: "Augsburg wird von zwei Seiten in die Zange genommen, wenn es heißer und trockener wird." Damit wird die Stadt an vielen Stellen verwundbar. Drei Trends: Infolge der zunehmenden Hitze sind mehr Kranke und Tote zu erwarten. Besonders stark droht es ältere Menschen, chronisch Kranke und Kleinkinder zu treffen, wobei die die Älteren in der Gesellschaft zunehmen. Der Soziologe verweist auf eine Berliner Statistik, wonach in der Hauptstadt schon heute jährlich rund 1400 Menschen mehr in Folge von Hitze sterben. Dem stünden 65 Verkehrstote jährlich in Berlin gegenüber.

Die Studie wurde von der Gesellschaft für sozio-ökonomische Forschung zusammen mit dem Unternehmen Green Adapt, das Strategien für die Anpassung an den Klimawandel erarbeitet, erstellt. Folgt man deren Erkenntnissen, so wird sich ein ungebremster Klimawandel auch im Augsburger Stadtgrün drastisch auswirken. Bäumen fehlt in Zukunft gerade in der Wachstumsperiode das nötige Wasser. Sie werden anfälliger für Stürme. Neue Krankheiten und Schädlinge nehmen zu. "Gleichzeitig brauchen wir mehr Grün in der Stadt, damit sich die Gebäude nicht so aufheizen", sagt Reusswig. Er sieht eine Notwendigkeit, das Stadtgrün besser mit Wasser zu versorgen.

Der Klimawandel schadet auch der Wirtschaft in Augsburg

Auf Gewerbe und Industrie in Augsburg können ebenfalls schwierige Zeiten zukommen. Die Fachleute der Studie gehen davon aus, dass mit zunehmender Hitze unter anderem die Arbeitsproduktivität des Beschäftigten deutlich abnimmt. Im schlimmsten Fall könne der Produktivitätsverlust 2050 bei 200 Millionen Euro liegen. Das entspricht der gesamten Gewerbesteuer, die in Augsburg im Jahr 2017 anfiel.

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Bild: Ulrich Wagner

Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) sagt, die Stadt sei bereits in einigen Bereichen tätig, um Folgen des Klimawandels abzufedern. "Bislang haben wir aber kein Gesamtkonzept, um korrigierend eingreifen zu können." Genau darum soll es im zweiten Teil der neuen Studie gehen - um praktische Anpassungsmaßnahmen, die alle gemeinsam strategisch ausgerichtet sind. Teil zwei des städtischen Klimawandel-Anpassungskonzeptes soll in Kürze an Fachbüros vergeben werden. Diese Studie wird zu 70 Prozent mit öffentlichen Fördermitteln finanziert. Ergebnisse sollen in einem Jahr vorliegen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Im Augsburger Rathaus ist mehr Tempo nötig

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20.09.2020

https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Kuenftiges-Klima-in-Deutschland-id51879321.html

>> Zum Ende dieses Jahrhunderts sind es den Modellen zufolge im Schnitt in Deutschland lediglich drei Hitzetage mehr als im Vergleichszeitraum 100 Jahre zuvor, wenn das Ziel des Pariser Klimaabkommens - die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen - wirklich geschafft wird. <<

Heute klingt es dann wesentlich alarmistischer, damit auch alle auf das (völkerrechtlich nicht verbindliche) 1,5 Grad Ziel aufspringen.

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