Am Anfang hatten sie das Projekt nicht so groß geplant. Benjamin Seuffert vom Staatstheater erinnert sich: „Wir wollten für unsere Idee eine Dichterin oder einen Dichter engagieren.“ Und dieser eine Mensch sollte über das Leben in Augsburg schreiben. Ein Tagebuch über das Leben in den Straßen, mit Gedankengängen zwischen Lech und Wertach. Texte, geschrieben am Rathausplatz, im Siebentischwald, am Bahnhof Oberhausen. Aber genügt ein Mensch allein, um eine Stadt zu begreifen? Nein. Stattdessen sucht das Staatstheater jetzt in der gesamten Stadt nach Poeten, Autorinnen und Hobbyschreibern. Jeder darf sich angesprochen fühlen und miteinander dichten. „Stadt:Raum“ heißt dieses Projekt der Digitaltheater-Sparte: Menschen aus allen Schichten und Vierteln können hier gemeinsam schreiben. Am Ende soll ihr Stadt-Tagebuch auch auf einer Internetseite erscheinen. Und mit ein paar digitalen Tricks werden ihre Sätze immer wieder neu zusammengewürfelt – je nach Standort, Tageszeit und Wetterlage, dort wo sich der Leser gerade durch Augsburg bewegt.
Projekt „Stadt:Raum“: Am 15. Juni treffen sich die Tagebuch-Schreiber
„Am Staatstheater befassen wir uns sehr stark mit Community-Projekten“, erklärt Benjamin Seuffert. „Das heißt: Wir wollen die Stadt einbinden in die Kunst.“ Er leitet, gemeinsam mit Lukas Joshua Baueregger, das Digitaltheater am Staatstheater Augsburg. Als Team suchen sie nach Ideen im Hier und Jetzt: Tagebuchschreiben liegt wieder im Trend, nur heißt es heute „Journaling“. Texten, dichten und seine Gefühle mit der Welt teilen – das Internet ist auch ein Spielfeld für diese Poesie. Aber Seuffert geht es um mehr als den Trend: „An unserem Projekt kann von der Seniorin aus Bergheim bis zur Studentin aus Oberhausen jeder teilnehmen. Jeder, der etwas sagen möchte über die Stadt und sein Viertel.“ Wer einen Beitrag leisten will, kann seinen Text jetzt per E-Mail an das Theater senden. Außerdem findet am 15. Juni ein offenes Treffen für Interessierte statt. Für Tagebuch-Schreiber.
Wie und wo werden die Texte erscheinen? Auf dem Smartphone. Auf einer eigenen Internetseite sollen die Gedichte abrufbar und auch zu hören sein: Schauspieler aus dem Staatstheater-Ensemble werden die Gedichte einsprechen. Der Clou an dieser Idee: Die Texte verändern sich, sobald man als Hörer und Leser durch Augsburgs Straßen spaziert. An jedem neuen Ort soll ein anderes Gedicht erscheinen, die Sätze werden an jedem Standort frisch kombiniert, von Lechhausen bis Firnhaberau. Dazu müsse man nur die Smartphone-Kamera auf die Straße richten.
Auruf: Staatstheater Augsburg sucht Dichterinnen und Dichter
Und noch mehr: Das Programm wird mit aktuellen Daten versorgt, von Verkehrslage bis Wetterbericht. Regnet es? Fließt neben mir ein Fluss? „Aus dieser Kombination von Faktoren entstehen dann einmalige Gedichte“, sagt Seuffert. Auch das Bild, das man durch seine Handykamera sieht, soll sich künstlerisch verwandeln: Schriftzüge, Effekte, digitale Einblendung.
Seuffert sucht jetzt Dichterinnen und Dichter: „Natürlich könnten wir einen Schriftsteller für das Tagebuch engagieren. Oder aus Augsburger Dokumenten von 1600 bis 2000 zitieren. Aber das spiegelt nicht die Stadt der Gegenwart, nicht ihre Vielfalt.“
Info: Alle Informationen zum Projekt gibt es unter www.staatstheater-augsburg.de. Texte können bis 30. Juni eingereicht werden. Ein offenes Treffen für die Tagebuch-Schreiber findet am 15. Juni um 19 Uhr statt. Dort soll es Infos zum Projekt und Gelegenheit zum Ideen-Austausch geben. Wer teilnehmen möchte, kann sich per E-Mail an digitaltheater@staatstheater-augsburg.de anmelden. Infos zum Treffpunkt erhalten die Interessierten dann in einer Antwort-E-Mail.
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