Das Lokal „Prizreni“ in der Donauwörther Straße in Augsburg ist schon lange geschlossen. Einst sollte es Balkan-Flair verströmen; auf der Karte standen traditionelle Fleischgerichte wie Cevapcici. Allzu lang hielt sich das Restaurant in Oberhausen aber nicht, nach ein paar Monaten war schon wieder Schluss. Von außen sieht man heute noch Teile der Inneneinrichtung und Spielautomaten. Die ehemalige Gastwirtschaft dürfte bald, wie auch die frühere „Loco Bar“ gleich nebenan, im Zentrum mehrerer Strafprozesse an den Gerichten in Augsburg stehen. Es geht um Drogendeals, Streitigkeiten im Milieu – und den Diebstahl mehrerer Kilogramm Marihuana. Die Ermittlungen liefern Einblicke in eine Parallelwelt.
Wie berichtet, dreht sich das Ermittlungsverfahren in dem Komplex vor allem um eine Gewalttat: Im Mai 2025 schossen zwei Täter mit scharfen Waffen auf die „Loco Bar“ in der Nähe der Wertachbrücke, verletzt wurde niemand. Zuletzt bestätigte die Polizei, dass man gegen konkrete Verdächtige ermittelt: zwei junge Männer mit kosovarischer Staatsbürgerschaft, die sich im Kosovo aufhalten und, wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, ausgeliefert werden sollen.
Die Polizei hatte nach den Schüssen zugleich intensiv im Umfeld des Lokals ermittelt, eine Ermittlungsgruppe (EG) namens „Hettenbach“ gegründet und vor allem das Drogenmilieu beleuchtet. Die Beamten haben bei den Ermittlungen einen offenbar tiefen Einblick in die Szene gewonnen; auf Grundlage der Arbeit der „EG“ wurden etliche Verfahren eingeleitet. Nun stehen erste Verhandlungen an. Sie dürften auch aufzeigen, wie der Handel mit illegalem Rauschgift in der Stadt teils abgewickelt wird.
Ermittlungen in Augsburg: Betreiber sollen aus der „Loco Bar“ heraus Kokain verkauft haben
Eine Anklage richtet sich nach Recherchen unserer Redaktion zum Beispiel gegen ein Brüderpaar mit syrischen Wurzeln: Es sind der offizielle Betreiber der früheren Loco Bar sowie sein Bruder, den die Ermittler für den faktischen Chef halten. Beide sollen aus der Bar heraus mit Drogen gehandelt haben, offenbar geht es vor allem um Kokain. Dass das weiße Pulver zunehmend in Lokalitäten in der Stadt konsumiert und teils auch direkt dort gehandelt wird, beobachtet die Polizei schon länger.
Auch im Fall der umstrittenen Razzia im City Club am Königsplatz war es unter anderem um den laut Polizei teils offenen Konsum mit Kokain innerhalb des Lokals gegangen. Mehrfach sei etwa „direkt von der Theke geschnupft“ worden. Die Betreiber des linken Szeneclubs sagen indes, man habe eine Null-Toleranz-Politik gehabt, was illegale Drogen angeht.
Bandenkonflikt in Augsburg: Marihuana in einem benachbarten Lokal gestohlen?
Solch eine Politik existierte in der Loco Bar offenkundig nicht. Im Gegenteil: Die beiden Betreiber-Brüder sollen nicht nur einen Koks-Handel aufgezogen haben, einer der beiden gab laut Anklage auch einen Auftrag zu einem heiklen Diebstahl. Mehrere Männer sollten demnach ins benachbarte „Prizreni“ gehen und dort sieben Kilogramm Marihuana stehlen. Was offenbar prompt umgesetzt wurde: In einem weiteren Prozess, der Ende April starten soll, müssen sich zwei junge Männer verantworten, die für diesen Diebstahl verantwortlich gewesen sein sollen.
Einer dieser Angeklagten soll in der Loco Bar zudem eine große Menge Koks gekauft haben. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erahnen, dass der Diebstahl des Marihuana-Paketes in Zusammenhang mit den Schüssen wenig später stehen könnte. Seit Längerem deutet vieles auf einen Bandenkonflikt hin, bei dem auch die Herkunft der Beteiligten eine Rolle spielt. Unsere Redaktion hat mehrere Anwälte der inhaftierten Verdächtigen kontaktiert; sie wollten allesamt mit Blick auf die laufenden Verfahren keine Stellungnahme abgeben.
Drogenhandel in Augsburg: Das Rauschgift kommt auch aus Holland in die Region
Rauschgift gelangt auf unterschiedlichen Wegen nach Augsburg; teils über die Niederlande, teils vom Norden Deutschlands, wo es aus Übersee per Schiff in den Häfen ankommt. Zuletzt gelang es der Polizei, mehrere mutmaßliche Hintermänner größerer Drogenbanden in der Stadt zu ermitteln und in U-Haft zu bringen, darunter einen Betreiber mehrerer Döner-Läden in Augsburg und München. Doch längst nicht immer wird Rauschgift auf der Straße oder in Lokalen veräußert oder konsumiert.
Vielfach findet der Handel in Wohnungen statt, teils beziehen Konsumenten die Drogen auch über das Internet. Dazu gehören speziell synthetische Opioide, von denen eine große Gefahr ausgeht: Dass die Zahl der sogenannten Drogentoten in Augsburg zuletzt wieder deutlich anstieg, führen Experten und Ermittler auch auf die Verfügbarkeit dieser chemischen Substanzen zurück, deren Wirkung für Konsumenten nicht berechenbar ist. Bei der Razzia wurden laut Polizei in den Räumen des Lokals gut 170 Gramm illegale Drogen gefunden, darunter Kokain und Amphetamin. Die Polizei hat deshalb Dutzende Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren