Am Ende, als Staatsanwalt Thomas Junggeburth fast fertig ist mit der Verlesung der Anklage, halten viele der Zuschauer im Gerichtssaal spürbar die Luft an. Der Staatsanwalt listet da gerade die Verletzungen auf, die ein älteres Ehepaar erlitt, als es im Dezember 2021 in seinem Wohnhaus in Augsburg-Bergheim von zwei Männern überfallen wurde. Es ist eine Aufzählung medizinischer Begriffe, die erschüttert, selbst wenn man sie vielleicht nicht gleich zuordnen kann: Orbitabodenfraktur links, vollständiger Visusverlust des linken Auges, Kieferhöhlenfraktur, Nasenbeinfraktur, Subarachnoidalblutungen, offene Mittelgesichtsfrakturen. Die Opfer: zur Tatzeit 83 Jahre und 71 alt. Die mutmaßlichen Täter: zwei erheblich jüngere, kräftig gebaute Männer, die nun wegen versuchten Mordes angeklagt sind.
Zsolt S., 34, und Iliuta B., 38, kamen der Anklage zufolge mitten in der Nacht über ein Kellerfenster. Sie sollen auf der Suche nach Geld gewesen sein und das ältere Ehepaar im Schlaf attackiert haben. Iliuta B. soll sich im Haus noch zwei FCA-Fanschals gegriffen haben, um die Opfer zu fesseln. Dazu kam es allerdings nicht. Weil Zsolt S. und Iliuta B. geglaubt hätten, der 83-Jährige sei gerade dabei, die Polizei zu verständigen, sollen beiden Angeklagten "massiv und brutal" auf die Senioren eingeschlagen haben, sagt Junggeburth. Die Polizei allerdings hatte der Mann gar nicht verständigen wollen, sondern schlafend in seinem Bett gelegen, mit einer Fernbedienung in der Hand, die von den Angeklagten den Ermittlungen zufolge wohl für ein Telefon gehalten wurde.
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Das Ehepaar schrie laut, als es attackiert wurde. Laut Anklage so laut, dass Zsolt S. und Iliuta B. fürchteten, entdeckt zu werden und das Wohnanwesen ohne Beute verließen. Beide gingen aus dem Haus und ließen die beiden Opfer alleine, "ohne sich weiter um deren ärztliche Versorgung zu kümmern", sagt der Staatsanwalt. Die Angeklagten hätten billigend in Kauf genommen, dass der 83-jährige Mann und die 71-jährige Frau an den Folgen der Verletzung sterben könnten. Ein dritter Angeklagter, Daniel M., soll selbst nicht im Haus gewesen sein, aber die Tat geplant und die beiden anderen Verdächtigen angeheuert haben.
Daniel M., 33 Jahre alt, kannte das ältere Ehepaar den Ermittlungen zufolge, weil er als Handwerker für sie tätig war. Er renovierte mit seiner kleinen Baufirma eine Immobilie der Opfer in der Innenstadt, eine frühere Praxis, die eine Wohnung werden sollte. Auch Daniel M. wirft die Staatsanwaltschaft versuchten Mord vor. Er soll vermutet haben, dass das Ehepaar größere Bargeldbeträge in seinem Haus lagerte, da ihn der 83-Jährige stets in bar bezahlte, und unter anderem das Kellerfenster so manipuliert haben, dass die beiden anderen Angeklagten leichter ins Gebäude eindringen konnten.
Prozess um Überfall in Bergheim: Ermittler vermuten finanzielle Probleme als Motiv
Alle drei Angeklagten haben die rumänische Staatsangehörigkeit und sitzen in Untersuchungshaft. Als Motiv vermuten die Ermittler finanzielle Hintergründe. Daniel M. habe seine angestellten Arbeiter nicht mehr bezahlen können und Geld gebraucht. Zsolt S., der mehrere Kampfvideos im Internet veröffentlicht habe, wurde von Daniel M. den Ermittlungen zufolge 15.000 Euro Belohnung versprochen, sollte er mitmachen.
Am ersten Prozesstag beschuldigten sich die Angeklagten teils gegenseitig. Daniel M. ließ über seinen Verteidiger Werner Ruisinger eine Erklärung verlesen: Er habe den Plan gehabt, Geld aus dem Haus zu stehlen. Dieser Plan sei an dem Tattag zunächst gescheitert, daraufhin sei er nach Hause gefahren. Iliuta B. und Zsolt S. hätten die Tat in der Nacht eigenmächtig durchgeführt. „Zu keinem Zeitpunkt war abgesprochen, dass Gewalt angewendet werden sollte", sagte Ruisinger im Namen seines Mandanten. Das Ehepaar hätte nichts mitbekommen sollen. "Dass die Sache so aus dem Ruder läuft, war weder geplant noch gebilligt." Iliuta B. beschuldigte Zsolt S., der einzige gewesen zu sein, der im Haus zugeschlagen habe: Es sei nur darum gegangen, Geld zu stehlen, sagte sein Verteidiger Jörg Seubert in einer Erklärung für seinen Mandanten. Iliuta B. sei entsetzt gewesen, als Zsolt S. plötzlich ins Schlafzimmer gestürmt sei und dort auf das Ehepaar eingeschlagen haben.
Zsolt S. wiederum räumte in einer Erklärung seines Verteidigers Klaus Rödl ein, den 83-Jährigen in jener Nacht geschlagen zu haben, bestritt aber, die Frau attackiert zu haben - das sei Iliuta B. gewesen. Er bedauere die Vorkommnisse zutiefst, sagte Zsolt S., der den Gewaltausbruch auch mit seinem Drogenkonsum erklärte. Dass das ältere Ehepaar in Lebensgefahr schwebte, habe er sich nicht vorstellen können.
Die Schwurgerichtskammer des Augsburger Landgerichtes unter dem Vorsitzenden Franz Wörz hat weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte im März fallen.