Herr Ender, der Paritätische Gesamtverband veröffentlichte im April ein geheimes Arbeitspapier aus Berlin. Darin sind umfangreiche Pläne enthalten, Milliardenbeträge im Sozialsystem einzusparen. Was war ihr erster Gedanke, als Sie davon erfahren haben?
MICHAEL ENDER: Im ersten Moment war ich irritiert bis schockiert. Bisher waren Sozialverbände bei der Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe stark eingebunden. Dass im Hinterzimmer Menschen ohne Beteiligung der Verbände und Betroffenen über radikale Kürzungen diskutieren, ist höchst befremdlich.
Kurz zuvor wurde der offizielle Referentenentwurf zum Ersten Gesetz zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe vorgestellt. Finden sich die Pläne dort wieder?
ENDER: Ja, das war der nächste Aufreger. Wenn man genau hinschaut, sieht man eindeutig: Es geht nur noch ums Sparen. Man versucht einen radikalen Kahlschlag, verpackt in vermeintlich harmlosen Formulierungen. Zum Beispiel durch den Vorrang von Regelleistungen gegenüber Einzelansprüchen. Das birgt ein gefährliches Potenzial. Wenn es in der Kinder- und Jugendhilfe künftig nur noch nach Kassenlage der Kommunen geht, kippen individuelle Rechtsansprüche.
Wie würde sich das konkret in Augsburg auswirken?
ENDER: Nehmen wir das Beispiel Schulbegleitung. Laut Entwurf werden Kindern Individualansprüche mit Verweis auf Regelleistungen weggenommen. In Augsburg versucht man bereits, eine gute Infrastruktur aufzubauen, aber das braucht Zeit und Steuerung. Das Dilemma des Gesetzesentwurfs ist, dass diese Regelleistungen – also etwa Schulsozialarbeit, Poollösungen oder Ganztagsbetreuung – darin nicht definiert sind und die Finanzierung nicht benannt wird. Dann wird die individuelle Schulbegleitung oder die Qualität der infrastrukturellen Leistung zur Glückssache.
Was bedeutet das für Familien?
ENDER: Wer in einer reichen Kommune wohnt, bekommt vielleicht eine individuelle Schulbegleitung. Wer in einer ärmeren Kommune lebt, wird weggeschickt und vielleicht an eine Beratungsstelle verwiesen. Wäre das Regelsystem tatsächlich vernünftig ausgestattet, könnte das funktionieren. Aber bisher sind die Bildungsausgaben in Deutschland im europaweiten Vergleich weit unten. Hier wird an einem Ende gekürzt, ohne am anderen Ende zu investieren.
Welche weiteren Hilfen könnten wegfallen?
ENDER: Es trifft viele Bereiche. Die ambulante Erziehungshilfe, Tagesgruppen und Wohngruppen. Hart treffen wird es außerdem unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Da gibt es massive Kürzungsideen, etwa durch geringere Unterbringungsstandards. Das führt zu einer Zwei-Klassen-Jugendhilfe.
Auch junge Erwachsene sollen betroffen sein. Wie sieht das in der Praxis aus?
ENDER: Bisher können junge Menschen bis zum 21. Lebensjahr in einer Wohngruppe der Jugendhilfe leben. Die Idee, diese Hilfen bis zum 18. Lebensjahr zu beschränken, hätte fatale Folgen. Die jungen Menschen, die ohnehin hoch belastet sind, haben sich lange weiterentwickelt. Bricht man das zu früh ab, waren alle Investitionen womöglich umsonst. Zudem haben wir massive Wohnungsnot, wo sollen die Menschen dann hin? Im schlimmsten Fall rutscht der Betroffene in die Wohnungslosigkeit. Das ist völlig kurzsichtig.
Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen befürchten Sie?
ENDER: Eine Studie des Kinder- und Jugendhilfeinstituts Mainz hat ergeben: Ein Euro, der in die Jugendhilfe investiert wird, bringt volkswirtschaftlich später etwa drei Euro. Wenn man den Vergleich mit der Bahn zieht: Da hat man die Infrastruktur bei den Gleisen kaputtgespart, und jetzt funktioniert es nicht mehr. Die Betreuung von jungen Menschen ist unsere soziale Infrastruktur. Außerdem haben wir eine demografische Entwicklung, bei der immer weniger junge auf immer mehr alte Menschen kommen. Wir brauchen jeden Einzelnen.
Aber die Politik steht unter Sparzwang. Muss die Soziale Arbeit vielleicht anerkennen, dass auch hier gespart werden muss?
ENDER: Bei den Zahlen sollte man erstmal vorsichtig sein. Der kritisierte Kostenanstieg in der Jugendhilfe hat primär etwas mit steigenden Bedarfen, den üblichen Tarifsteigerungen und einem politisch gewollten Ausbau der Kindertagesbetreuung zu tun. Man kann nicht erwarten, dass die Kosten bei steigendem Bedarf sinken. Unstrittig ist, dass man das Geld richtig einsetzen muss. Die Bereitschaft dazu gibt es bei Trägern und Verbänden. Aber so ein Kahlschlag ist der falsche Weg. Wir brauchen mehr Flexibilität und weniger Bürokratie. Und die Hilfen müssen besser in Regelsysteme eingebettet werden. Dazu steht im Referentenentwurf aber nichts.
Zur Person
Michael Ender ist seit 1994 in der Jugendhilfe tätig und seit 2007 Regionalleiter der St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in Augsburg.
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