Marina Ufelmann kann sich genau an einen ihrer wohl emotionalsten Momente dieser Pandemie erinnern. Ein 40-jähriger Mann streitet mit seiner Ehefrau und fährt dann zum Fußball. Plötzlich streikt das Herz. Akuter Infarkt, Transport ins Universitätsklinikum rechts der Isar in München. Die Frau folgt ihm ins Krankenhaus, will auf die Intensivstation. „Sie sagte: Ich muss ihn sehen. Ich muss mich entschuldigen“, erzählt Intensivpflegerin Ufelmann. Doch die Tür bleibt verschlossen. Der Mann ist stabil, die Frau bricht vor der Station zusammen. „Da ist mir das Ausmaß der pandemiebedingten Besuchsregelung zum ersten Mal bewusst geworden“, sagt Ufelmann.
Corona-Besuchsregeln: Kliniken dürfen autonom entscheiden – doch anhand von was?
In der ersten Corona-Welle war das. Damals war das Besuchsverbot in Krankenhäusern noch von der Bayerischen Staatsregierung geregelt. Die Auflage fiel im Juni, seither sind Kliniken weitestgehend autonom in der Entscheidung, wer Patienten besuchen darf und wer nicht. Als Ende Oktober die zweite Welle anrollte, schränkten die Häuser ihre Besuchsmöglichkeiten wieder ein. Wie ist die Lage auf den Stationen jetzt, wo Cafés, Kinos und Freibäder langsam wieder öffnen?
Das Klinikum Ingolstadt ist für Auswärtige noch weitgehend Sperrzone. Der Haupteingang ist zu. Über eine Seitentür dürfen nur gewisse Besucher mit negativem Schnelltest nach innen: die Begleitperson einer werdenden Mutter etwa, oder eines behandelten Kindes, oder eines Sterbenden. „Auch wenn es Fragen über das weitere Therapieschema gibt, gestatten wir Ausnahmen“, sagt Thomas Flierler, Leiter der Intensivüberwachungsstation, einem Zwitter aus Normal- und Intensivstation, in dem oft die Patienten liegen, die das Besuchsverbot besonders betrifft: Ihr Zustand ist zwar besorglich, aber nicht lebensbedrohlich.
„Problematisch sind die Patienten, die an der Grenze zu diesen schwerwiegenderen Patientengruppen liegen“, sagt Silke Rau. Sie arbeitet im Münchner Informationsbüro der Deutschen Stiftung für Patientenschutz. Das Besuchsrecht sei bei Anrufern von Beginn an ein großes Thema gewesen. Neben Sterbenden, Müttern und Kindern als allgemein akzeptierte Ausnahmen gebe es für Besucher extreme Unterschiede: „Es ist eine Abwägung zwischen dem Schutz der Patienten und der wichtigen Teilhabe der Angehörigen. Da kommen die einzelnen Häuser zu unterschiedlichen Ergebnissen.“
Corona-Regeln: Im Augsburger Uniklinikum wird das Besuchsverbot aufgehoben
Wie groß der Spielraum ist, zeigt das Beispiel München gut. Bleibt die Inzidenz stabil unter 50, sollen voraussichtlich ab Montag laut einer Sprecherin wieder Besuche im Klinikum Rechts der Isar möglich sein. Jeder Patient darf dann täglich einen Besucher sehen. Im Helios Klinikum München West gilt diese Regel bereits.
Am Uniklinikum in Augsburg hat man sich jetzt dazu entschieden, das aktuell geltende Besuchsverbot zum 3. Juni aufzuheben und durch eine Besucherampel zu ersetzen. Je nach deren Farbe sind Besuche verboten oder stufenweise erlaubt. Mehr als der Besuch einer – geimpften, getesteten oder genesenen – Person über mehrere Stunden hinweg ist im Normalfall weiterhin nicht vorgesehen. Mit der Ampel könne das Krankenhaus tagesaktuell auf das regionale Infektionsgeschehen reagieren, heißt es.
In Ingolstadt ist man mit Lockerungen noch vorsichtig. Klinik-Geschäftsführer Andreas Tiete sagt: „Dazu müsste sich die Infektionslage in der Region noch weiter verbessern. Der Schutz der Patienten steht bei uns immer an erster Stelle.“ Dennoch gibt sich das Krankenhaus zum Teil kulant: Angehörige von Sterbefällen brauchen keinen Test. Neu-Väter können im Familienzimmer übernachten.
Manche Patienten werden wach und denken, sie wurden entführt
Letzteres ist in der Münchner Klinik rechts der Isar nicht möglich. Kompensieren will die Klinik die strikten Regeln anderweitig: Das Pflegepersonal ermöglicht virtuelle Besuche per App. „Viele sind verunsichert. Wir zeigen erst mal die Station, damit die Angehörigen wissen, wo der Patient liegt. Gerade in der ersten Welle haben Bilder aus Italien wirklich einen verzerrten Eindruck erweckt“, sagt Ufelmann, die den Arbeitskreis Angehörigenfreundliche Intensivstation in der Klinik leitet.
Im Bayerischen Gesundheitsministerium scheint man ebenfalls hin- und hergerissen, was das Thema betrifft: Mit Besuchen müsse weiter sensibel umgegangen werden, sagt ein Sprecher. Klar sei aber auch, „dass vor dem Hintergrund der sich bessernden Infektionslage Besuchsverbote eine Ausnahme darstellen müssen.“
So sieht das auch Marina Ufelmann. Neulich, erzählt sie, sei ein Patient wach geworden und habe bitterlich geweint, weil niemand zu Besuch kam. Er dachte, die Angehörigen hätten ihn verstoßen. Ein anderer dachte, die Pfleger hätten Giftgas in sein Zimmer gesprüht, würden deshalb Masken tragen. Sogenanntes Delir, ein Zustand der Verwirrung. 60 bis 80 Prozent der Intensivpatienten leiden daran. „Sie denken, dass sie entführt wurden, werden bettflüchtig, aggressiv oder stellen sich tot. Es konnte nachgewiesen werden, dass das häufiger auftritt, wenn die Angehörigen nicht da sind“, sagt Ufelmann. „Sie fehlen ungemein.“
Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Corona-Besuchsregelungen: Herkulesaufgabe in den Kliniken
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