Interessiert steht er an diesem sonnigen Frühlingstag da und studiert eine Inschrift an der Münchner Stadtmauer. In wenigen Minuten wird die Ausstellung „Braucht’s des?!“ anlässlich seines 70. Geburtstages im Literaturhaus eröffnet. Es kümmert Gerhard Polt in diesem Moment nicht. Andere wären aufgeregt, er steht da wie ein gemütlicher Tourist. Wer den massigen Mann mit dem markanten Gesicht im unscheinbaren Blouson sieht, der käme nicht gleich auf die Idee, Deutschlands vielleicht größten Humoristen vor sich zu haben.
Gerhard Polt ist wie Goethe, nur näher an den Menschen
Der ganze Rummel um ihn ist dem gebürtigen Münchner sowieso „zwida“, wie man in Bayern sagt. Er muss halt sein. Eine Ausstellung, so sagt Polt, sei immerhin „besser als ausgestopft“. Einer wie er weiß all die Lobeshymnen der Honoratioren einzuordnen, höchstens leise freut er sich über die Ehrenbekundungen, die kurz vor seinem Geburtstag von allen Seiten auf ihn einprasseln. Elke Heidenreich vergleicht ihn bei der Vorstellung seines neuen Buches „Gerhard Polt und auch sonst“ mit Goethe. Sie stellt die These auf, Polt sei wie der große Dichter, nur näher an den Menschen. Die Autorin Heidenreich zitiert: „Armut ist ohne Geld nicht möglich.“ Selten finde man bei Literaten solch klärende Ansagen wie bei dem bayerischen Kabarettisten, Schriftsteller, Schauspieler und Bühnenkünstler, sagt sie. Auch als Philosoph sei er mit Denkansätzen wie „man ist, was man isst“ kurzweiliger als ein Schopenhauer. Da muss Polt selbst grinsen.
Polt nennt sich selbst einen leidenschaftlichen Zeitvernichter
Das Vordergründige und das Materielle haben ihn nie interessiert. Sein Haus in Neuhaus, einem Ortsteil von Schliersee, ist unscheinbar. Und während sich am Tegernsee die Millionäre tummeln, träumt Polt am beschaulicheren Nachbargewässer von einem Leben als Bootsverleiher. Es würde zu ihm passen. Denn Polt bezeichnet sich als einen leidenschaftlichen Zeitvernichter. Wörtlich klingt das so: „Neulich hab ich eine Zeit erwischt und hab sie totgeschlagen. Ich hab mir ein Butterbrot geschmiert und dafür drei Stunden gebraucht.“
Als Kriegskind wächst Polt zunächst auf dem Land auf
Vielleicht sind derartige Betrachtungen mit seiner Kindheit in Verbindung zu bringen, in der man nichts hatte außer Zeit; und in der ein Butterbrot noch mit Hochgenuss verzehrt wurde. Vielleicht ist das auch überinterpretiert. Polt jedenfalls ist Kriegskind. Nach seiner Geburt 1942 in München zieht seine Mutter mit ihm aufs Land, um der einsetzenden Bombardierung der Stadt zu entgehen. Sie geht mit ihrem evangelisch getauften Sohn nach Altötting, den katholischsten aller bayerischen Orte. Das blieb nicht ohne Folgen. „Das Hin-und-her-gerissen-Sein hat mein ganzes Leben geprägt“, erzählt Polt heute. So vereint er, der scheue Privatmensch, den das Feuilleton aufgrund seiner Präsenz als „Bühnentier“ bezeichnet, diesen Gegensatz ganz selbstverständlich in sich.
In seinen Rollen gibt sich Polt gerne engstirnig und unreflektiert
In seinem jüngsten Buch, das im Dialog mit der Fotografin Herlinde Koelbl entstanden ist, erzählt er von früher, von Altötting. Von der Metzgerei, in der er mit seiner Mutter lebte. Davon, dass er schon als Fünfjähriger mit einem Schussapparat ein Schwein erledigt hat. Und davon, dass er, weil er „das Schwein so schön erschossen“ hatte, es als Belohnung dann auch mit dem Messer aufschneiden durfte. Man spürt, dass ihn die Jahre in Altötting gewissermaßen subkutan sozialisiert haben. Das Widersprüchliche, das Katholisch-Kleinbürgerliche ist es, das er dort erspürt und heute auf der Bühne so lebensnah darstellt. Polt spielt ja in seinen Rollen gerne den engstirnigen und unreflektierenden Menschen, der mit Selbstverständlichkeit seine Meinung kundtut.
Gerhard Polt: Als Übersetzer in Schweden
In seiner äußeren Biografie ist die Zeit im Wallfahrtsort nur eine Episode. Bald zog er mit der Mutter zurück ins vom Krieg zerstörte München. Der Bub spielte zwischen den Ruinen, geht aufs Gymnasium. Nach dem Abitur studiert er politische Wissenschaften, Geschichte, Kunstgeschichte. Für geraume Zeit wandte er sich der Skandinavistik zu, zog sogar nach Schweden, arbeitete später als Übersetzer. Er ist sprachbegabt. Doch er kann sich nicht nur kompetent mitteilen, er besitzt auch die Gabe, den Tonfall ihm nicht geläufiger Sprachen so nachzuahmen, dass man’s ihm abnimmt. Polt lässt schon früh ein Talent zum G’schichtenerzählen erkennen. Seine scharfe Beobachtungsgabe, sein Sinn für das Absurde fallen in seinem Freundeskreis Anfang der 70er Jahre auf. Dazu gehörten die Schauspielerin Gisela Schneeberger und der Regisseur Hans-Christian Müller. So rutscht er über den Seiteneingang rein in die Kulturszene Münchens, aus der er heute nicht mehr wegzudenken ist.
Polt lotet die Güte der Leute aus – und ihre Unerträglichkeit
Gerhard Polt - seine besten Zitate
Polt ist ein Liebhaber gepflegter Langeweile. Er sagt, dass er gerne vor sich hin „sinnlost“. Herausgekommen ist dennoch ein beachtliches Werk. Bücher, Filme, Stücke und Preise Polts aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Seine Stärke ist es, die Untiefen und Seichtheiten im Menschen, seine Güte und Bosheit, seinen Reiz und seine Unerträglichkeit auszuloten. Die bayerische Sprache ist sein Ausdrucksmittel, nicht aber sein Hauptthema. Das ist der Mensch. Arbeiten will er weiterhin. „Mit was soll ich denn aufhören?“, fragt er. Im Alter habe er sogar mehr Biss. Auch wenn er keine Proteststürme mehr auslöse, sei er nicht zahnlos. „Ich hab ein paar Implantate. Also im Gegenteil. Ich hab neue Zähne.“