Die grüne Umgestaltung Münchens beginnt ausgerechnet auf dem Willy-Brandt-Platz. Anders als der einstige SPD-Kanzler ist die Betonfläche im Stadtteil Riem bei den Bürgerinnen und Bürgern weder geschätzt noch beliebt. Hier rammt Dominik Krause in der ersten Woche seiner Amtszeit als (zunächst noch vertretender) Oberbürgermeister seinen Spaten in den Boden wie einst Neil Armstrong die US-Flagge auf dem Mond. Noch sieht der Platz genau so aus, wie Krauses München nicht sein soll.
Kein Baum weit und breit, die Oberfläche komplett versiegelt. Sogar der Sand für den Spatenstich muss extra von einem Bagger hergebracht werden, damit der Wahlsieger von den Grünen überhaupt ein bisschen was unter die Schaufel bekommt.
In zwei Jahren soll hier alles schön grün sein, fast 100 Bäume werden an heißen Tagen Schatten spenden und Dominik Krause wird sich an den Titel des Oberbürgermeisters gewöhnt haben. Er ist bekanntermaßen erst 35, sitzt aber schon seit zwölf Jahren im Stadtrat und gehört seit zweieinhalb zu den Top 3 im Münchner Rathaus. Vor der Kommunalwahl war Krause bereits Baubürgermeister und Dieter Reiters ständiger Vertreter, hat schon x-mal Spaten irgendwo in die Erde gestochen. „Das reiht sich nahtlos ein“, sagt Krause dann auch nach dem Termin, als sei das alles hier keine große Sache. Ist es aber.
Dominik Krause und die Parallele zu Zohran Mamdani
Weil noch am Nachmittag desselben Tages die ersten Sondierungsgespräche anstehen, erst mit der SPD, tags darauf mit der CSU. Weil er ab Mai auch offiziell die Amtsgeschäfte vom derzeit erkrankten Vorgänger Dieter Reiter übernehmen und dann Münchens wichtigster Gestalter sein wird. Weil manche schon sagen, er sei der „Münchner Mamdani“, eine bayerische Version des neuen, ebenso jungen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani.
Krause wurde nach seinem Wahlsieg ähnlich frenetisch gefeiert wie der 34-jährige US-Demokrat. Von der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler, indem sie ihr Kreuzchen bei seinem Namen machten. Von seiner Partei, die zum ersten Mal einen Oberbürgermeister in München stellt. Von der queeren Gemeinschaft, die sich dank des ersten homosexuellen Rathauschefs in der Geschichte der Stadt ganz besonders gesehen fühlt. Sogar in der Montessori-Einrichtung in Großhadern, wo Krause vor fast zwei Jahrzehnten Zivi war, freut man sich, dass der neue OB das Haus persönlich kennt.
Er selbst hält den Mamdani-Vergleich dennoch für übertrieben. „Das sind schon sehr große Fußstapfen“, sagt er und lächelt auf dem Willy-Brandt-Platz in seine Winterjacke. Eine Parallele aber könnte er sich vorstellen zwischen New York und München, vielleicht auch Paris, wo der ebenfalls vergleichsweise junge Emmanuel Grégoire, 48, mit seiner Vision einer lebendigen, progressiven Stadt ganz frisch die Wahlen gewann: „Was uns eint, ist, dass die Leute nicht immer nur Krise, Krise, Krise hören wollen“, sagt Krause. „Sie haben Lust auf ein positives Bild von Zukunft.“
Der studierte Physiker übernimmt eine Stadt, die nach außen von einem Image profitiert, das nach innen für viele nicht mehr stimmt.
München, dessen Name höchstwahrscheinlich auf eine ehemalige Mönchssiedlung zurückgeht, Residenzstadt über Jahrhunderte, 1487 Geburtsort des ersten städtischen Reinheitsgebotes für Bier. Die Leidenschaft fürs Bierzelt soll übrigens eine der kaum vorhandenen Gemeinsamkeiten zwischen Dominik Krause und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sein. Zum Münchner Lebensgefühl gehört, dass man seine Traditionen pflegt – auf der Wiesn, im Biergarten, aber natürlich nicht nur. Und dass man seine Identität stolz nach außen trägt.
Das Münchner Lebensgefühl hat Schrammen
München, so nah an Italien, dass man übers Wochenende an den Gardasee fahren kann. Aber wer muss schon nach Italien, wenn auch München selbst bei Regen glänzt? Eine mondäne, saubere Stadt, in der es mehr Museen, Theater, Opernhäuser und Kinos gibt als sonst irgendwo in Deutschland. Dolce Vita und Freigeistigkeit im Schein des Friedensengels.
Das Erstaunliche an einem glänzenden Image ist ja, dass es noch eine Zeitlang fortbesteht, wenn sich die Realität bereits geändert hat. Natürlich kann man in München immer noch wunderbar leben. Vor allem diejenigen, die zu ihrem Porsche ein paar Meter Straße scheinbar gratis dazu geschenkt bekommen.
Die Leute aber, die echten Dialekt sprechen statt Edelbairisch und die sich nicht mit einer Tracht verkleiden müssen, um als Münchner durchzugehen, jene U-Bahn-Fahrer und Verkäuferinnen auf dem Viktualienmarkt, können sich die Mieten kaum mehr leisten. Giesing, wo Dominik Krause mit seinem Partner Sebastian lebt, ist nicht mehr das Arbeiterviertel, das es früher mal war. Die viel gepriesenen Theater müssen sparen. Künstlerinnen und Künstler haben bei der Wohnungssuche kaum eine Chance gegen die Top-Verdiener aus dem Isar Valley. Die Wohnfrage ist Münchens größtes Problem.
Gerade jene, die ähnlich jung sind wie Krause, zwischen 30 und 50, sind zuletzt in Scharen weggezogen, wie jüngst eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigte.
„Wie kann es denn sein, dass wir hier so einen Mangel an Wohnraum haben und gleichzeitig 1,8 Millionen Quadratmeter Büroflächen leerstehen?“
Dominik Krause, künftiger Oberbürgermeister
Dominik Krause weiß das natürlich. „Wohnen ist das zentrale Thema“, sagt er, gefragt danach, was für eine erfolgreiche Koalition entscheidend ist. „Der neue Stadtrat muss Lösungen finden, wie wir schneller vorankommen bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und wie wir stärker den Leerstand und Mietwucher bekämpfen.“ Krause will dafür unter anderem ungenutzte Büroflächen umwandeln.
„Es gibt viele, die sich fragen: Wie kann es denn sein, dass wir hier so einen Mangel an Wohnraum haben und gleichzeitig 1,8 Millionen Quadratmeter Büroflächen leer stehen?“ Lösungen braucht es auch, weil München weiter wachsen wird: Bis zum Jahr 2040 dürfte sich die Einwohnerzahl von jetzt etwa 1,6 Millionen Menschen Richtung Zwei-Millionen-Marke bewegen.
Die Grünen hoffen auf Krauses Vorbildwirkung für Bayern
2040 ist Dominik Krause gerade mal 50 Jahre alt und läge damit immer noch am unteren Ende der durchschnittlichen Altersspanne bayerischer Bürgermeister. Die Grünen träumen von einer neuen Ära in München. Viel mehr noch: Sie hoffen, dass durch den Krause-Boost Bayern bis aufs Land hinaus grünt.
Die Landesvorsitzende Eva Lettenbauer kennt den neuen OB seit ihrer beider Anfangszeit in der Grünen Jugend und lebt im kleinen Reichertswies im Landkreis Donau-Ries. Sie schreibt der Münchner Stadtpolitik eine Vorbildwirkung zu. „Es ist immer hilfreich, wenn die Menschen merken, wie grüne Politik in einer Stadt oder Gemeinde das Leben positiv verändert“, glaubt sie. „Wenn die Leute sehen, wie Ideen zusammen mit den Menschen vor Ort entwickelt werden.“ Selbst in kleinen schwäbischen Dörfern hätten ihr Bürgerinnen und Bürger zum Erfolg in München gratuliert. Ja, Krause gegenüber herrsche jetzt natürlich eine große Erwartungshaltung, sagt die 33-Jährige und bremst: „Nicht alles kann man gleich in den ersten Monaten umsetzen.“
Dieter Reiters Ära hat zwei Amtszeiten gedauert. Der SPD-Star stand lange für das Münchner Lebensgefühl. Dass viele es eben nicht mehr fühlten, dürfte eines seiner Probleme gewesen sein. „München. Reiter. Passt“ war sein Slogan. Das legt nahe, dass mit München alles okay ist und Reiter wiederum der richtige Mann, um den Ist-Zustand beizubehalten. Beides aber schien vielen Wählerinnen und Wählern zuletzt nicht mehr zu passen, genauso wenig wie Reiters lapidarer Umgang mit seinen Ämtern beim FC Bayern München. Krauses Slogan las sich wie eine motivierte Erwiderung darauf: „Weil mehr geht.“ In Worte gegossener Tatendrang.
So haben es offensichtlich die 272.533 Münchnerinnen und Münchner gelesen, die Krause ihre Stimme gaben. Der erste grüne OB fühlt sich von dieser Welle noch getragen, als er längst wieder im Spatenstich-Alltag angekommen ist. Er schwärmt von der „Aufbruchstimmung in der Stadt“, die er „jetzt auch in den Koalitionsverhandlungen und im Koalitionsvertrag mit Leben füllen“ wolle. Krause ist keiner, der in jedem sofort ein Feuer entfacht, sobald er irgendwo auftaucht. Der Neue, der gleich nach dem Studium in die Politik wechselte, ist ein zurückhaltender, verbindlicher Typ. Einer, dem die Menschen offensichtlich glauben, dass er Versprechen hält. Zum Beispiel, wenn er sich „mit mehr Verve“ hinter die Olympia-Bewerbung klemmen will. Oder wenn er als leidenschaftlicher Radler und U-Bahn-Nutzer den klimagerechten Umbau der Stadt ankündigt.
Krause wird jetzt schon mit „Herr Oberbürgermeister“ angesprochen
Hier in Riem soll ab 2028 ein Wildstaudenmeer blühen. Dominik Krause will es künftig rascher schaffen: „Wir wollen schneller vorankommen mit solchen Umgestaltungen“, sagt der designierte OB nach dem Startschuss für das Projekt, das vor allem vom Freistaat finanziert wird und rein zufällig in Dominik Krauses erste OB-Woche fällt. Er verspricht auch, bestehende Grünflächen zu schützen. Wie das zusammengeht mit seinen Wohnungsbauplänen, ist eine der spannenden Fragen seiner Amtszeit.
Vor ein paar Tagen hat Dominik Krause, der mit zwei Geschwistern in Moosach und Untermenzing aufgewachsen ist, seine erste Stadtrats-Vollversammlung nach der Stichwahl geleitet. Der Plenarsaal war rappelvoll. „Sehr viele Gäste für eine sehr kurze Tagesordnung“, sagte Krause, auf dem Stuhl des Oberbürgermeisters sitzend, und lächelte. Vom Aufruhr um ihn herum ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen, hat er doch Reiter schon oft vertreten. Die Stadträte waren sich weniger sicher.
Krauses Parteikollege Beppo Brem zögerte vor seinem Redebeitrag zu Münchens möglicher Bewerbung für die Leichtathletik-WM 2029 oder 2031. „Herr... Bürgermeister, sag ich jetzt mal...“, begann er grinsend, an Krause gewandt. Fritz Roth (FDP) sicherte sich doppelt ab: „Lieber künftiger Oberbürgermeister oder, fürs Protokoll, noch Zweiter Bürgermeister...“
Mit wem sie künftig regieren wollen, halten sich die Grünen noch offen, aktuell sieht es mehr nach SPD und kleinen Partnern aus als nach CSU. In der Woche nach Ostern will Krause weitere Gespräche führen, die Koalitionsverhandlungen sollen dann nach den Osterferien beginnen. Seine sechsjährige Amtszeit beginnt offiziell am 1. Mai, am 11. soll er vereidigt werden. Und jetzt? „Jetzt sind erstmal Ferien“, sagt Krause und lacht. Er gönnt sich vier Tage Wanderurlaub in Südtirol.
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