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Augenzeuge des Anschlags von München: „Es war der schrecklichste Tag meines Lebens“

Amokfahrt in München

Augenzeuge des Anschlags von München: „Es war der schrecklichste Tag meines Lebens“

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    Zu Beginn des Prozesses verdeckte der Angeklagte noch sein Gesicht. Am Ende der ersten Verhandlungswoche tat er das nicht mehr.
    Zu Beginn des Prozesses verdeckte der Angeklagte noch sein Gesicht. Am Ende der ersten Verhandlungswoche tat er das nicht mehr. Foto: Peter Kneffel, dpa

    Als das Auto in die Menschenmenge raste, wandte er seinen Blick entsetzt ab. „Es war der schrecklichste Tag meines Lebens“: Mit diesen Worten hat am Freitag ein 42-jähriger Zeuge seine Gefühle beschrieben, als er vor fast einem Jahr den Anschlag von München miterlebte. Zwei Menschen starben, mehr als 40 Teilnehmer einer Demonstration der Gewerkschaft Verdi wurden zum Teil schwer verletzt. Seit Freitag vor einer Woche steht der mutmaßliche Fahrer vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 25-jährigen Farhad N. aus Afghanistan unter anderem Mord vor und geht von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus.

    Anschlag auf Verdi-Demo: Zwei Tote, mehr als 40 Verletzte

    Der Anschlag vom 13. Februar 2025 in der Münchner Seidlstraße ist in vielen Details dokumentiert. Teilnehmer der Demonstration, Polizisten, die diese sichern sollten, und zufällige Augenzeugen wurden in den vergangenen Verhandlungstagen vom Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in München gehört. Hinzu kommen zahlreiche Videos und Bilder. Nach der Tat hatte die Polizei dazu aufgerufen, Aufnahmen zur Verfügung zu stellen. Zudem durchforsteten die Ermittlerinnen und Ermittler die sozialen Medien, werteten Überwachungskameras aus.

    Der 42-Jährige Zeuge hatte an einem Bürofenster ebenfalls eine Kamera angebracht. Mit ihr wollte er den Fortgang einer großen Baustelle gegenüber dokumentieren. Jede Minute schoss das Gerät am Attentatstag ein Bild – auch wenige Sekunden, bevor der weiße Mini beinahe direkt unter dem bodentiefen Bürofenster im dritten Stock in die Menge raste.

    Augenzeugen schildern den Anschlag von München

    Mehrere Zeugen haben inzwischen beschrieben, wie der Kleinwagen an jenem Tag von hinten an den Demonstrationszug heranfuhr, sich langsam zwischen den Polizeifahrzeugen hindurchschlängelte und dann Gas gab, als der Weg zu der Menschenmenge frei war. Zeugen hörten den Motor aufheulen, Bremslichter hat niemand bemerkt.

    Die Polizeibeamten in den Begleitfahrzeugen waren völlig überrascht. Sie hatten in dem Kleinwagen einen Drängler vermutet, der an der Kreuzung abbiegen wollte, und versucht, ihn mit Handzeichen zu bremsen. Er habe noch kurz den Gedanken gehabt, das Lenkrad seines VW-Busses herumzureißen, um das weiße Kleinfahrzeug aufzuhalten, so ein Polizist. „Wenn ich das jetzt nicht verhindere, rast das Auto in die Menge“, habe er gedacht. Dann habe der Wagen aber auch schon Gas gegeben. Der Polizist sah die Menschen und einen Kinderwagen durch die Luft fliegen. „Quasi dem Erdboden gleich“ sei der Kinderwagen hinterher gewesen, so ein andere Beamter.

    Das Auto stoppte erst, als die Räder den Kontakt zum Boden verloren. Fünf Schwerverletzte lagen unter dem Wagen eingeklemmt, dieser musste zur Seite gewuchtet werden, um sie zu befreien. Bilder zeigen, wie Demonstranten in ihren gelben Westen auf den Wagen zustürmen, manche schlagen mit Transparenten auf das Auto ein. „Wenn die Polizei nicht eingegriffen hätte, hätten sie ihn rausgeholt“, sagt ein Augenzeuge. Er wolle nicht ausschließen, dass die geschockten und wütenden Menschen zur Selbstjustiz geschritten wären.

    Schreckliche Bilder, die im Prozess wieder hochkommen. Ein kaputter Kinderwagen liegt nach dem Anschlag auf der Straße, ein zweijähriges Kind starb.
    Schreckliche Bilder, die im Prozess wieder hochkommen. Ein kaputter Kinderwagen liegt nach dem Anschlag auf der Straße, ein zweijähriges Kind starb. Foto: Christoph Trost, dpa

    Doch stattdessen fiel ein Schuss. Ein Polizist zerschoss der Beifahrerfenster des Wagens, entriegelte die Tür, zog den Zündschlüssel. Farhad N. drückte laut der Aussage des Beamten weiter das Gaspedal durch, saß aufrecht und stocksteif hinter dem Steuer, habe sich eine Hand vors Gesicht gehalten und die Zähne zusammengebissen. Der Beamte hatte den Eindruck, als müsse der heute 25-Jährige gleich weinen.

    Der Angeklagte wirkte nach dem Anschlag von München völlig apathisch

    Auch andere Schilderungen über die Festnahme des Fahrers stehen in merkwürdigem Gegensatz zum brutalen und zielstrebigen Vorgehen beim Anschlag. Der Mann, der ohne zu zögern kerzengerade auf eine Ansammlung arg- und wehrloser Menschen zugerast sein soll, machte bei seiner Festnahme einen apathischen Eindruck und leistete keinen Widerstand. „Irgendwie bewusstseinsgetrübt“ habe der Angeklagte gewirkt, sagt ein Polizeibeamter. „Wie einen nassen Sack“ hätten Polizeibeamte Farhad N. weg vom Tatort in einen Durchgang gebracht, so ein Zeuge. Dort hörte er N. mehrmals laut „Allahu akbar“ rufen – “Gott ist groß“. Diese Losung benutzen auch Islamisten.

    Die Anklage geht von einem islamistischen Anschlag aus

    Die Ermittlerinnen und Ermittler gehen davon aus, dass sich N., der als Jugendlicher nach Deutschland geflüchtet war, über den Internetkontakt zu islamistischen Hasspredigern radikalisiert hat und bei dem Anschlag in München möglichst viele Menschen in den Tod reißen wollte. Beim Prozessauftakt sorgte N. bei Opfern und ihren Angehörigen für Empörung, weil er den sogenannten Islamistenfinger zeigte. Zu den Vorwürfen und seiner Person schweigt er. Das Urteil wird für Ende Juni erwartet.

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