Die Fahrt nach Saporischja ist für Philipp Blobel die 17. humanitäre Mission in die umkämpfte Ukraine. Und vielleicht die gefährlichste. Wenn der Augsburger Unternehmensberater und ehemalige Bundeswehroffizier kommende Woche mit seinem Freiwilligenteam die 2300 Kilometer lange Strecke mit Transportern voller Stromgeneratoren und medizinischen Hilfsgütern auf sich nimmt, geht es in eine Stadt, die massiv unter russischem Beschuss steht. In der die Menschen ohne Strom und Heizung bei eisigen Temperaturen um ihr Leben kämpfen. „Ich habe die Möglichkeit, den Menschen in der Ukraine zu helfen – also helfe ich“, sagt Blobel ganz pragmatisch.
Neben seinem unermüdlichen Einsatz für die Ukraine hat der 39-Jährige jetzt eine weitere Aufgabe bekommen. Seit wenigen Tagen ist er offiziell der neue Honorarkonsul der Ukraine für Süddeutschland und damit Anlaufstelle für rund 100.000 geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer.
Das Amt ist ehrenamtlich, die Verantwortung groß. Blobel betreut als Honorarkonsul Bayerisch-Schwaben sowie die drei fränkischen Regierungsbezirke und arbeitet eng mit dem Generalkonsulat der Ukraine in München zusammen. In seinem Konsularbezirk leben nach seinen Angaben mehr als 100.000 Ukrainer.
Für sie soll das Honorarkonsulat Orientierung bieten. Pass- oder Visaangelegenheiten darf er selbst nicht bearbeiten, das bleibt den hauptamtlichen diplomatischen Strukturen vorbehalten. „Wir verstehen uns als Lotse“, sagt Blobel. Wer Fragen zu Behörden hat, Unterstützung bei Schulproblemen sucht oder wissen möchte, an welche Hilfsstelle er sich wenden kann, soll hier eine erste Anlaufstelle finden.
Philipp Blobel gehört zu den sichtbarsten Unterstützern der Ukraine
Die Ernennung ist eng mit seiner bisherigen Arbeit als Unternehmensberater verknüpft. Blobel gehört zu den sichtbarsten privaten Unterstützern der Ukraine in der Region. Wenige Tage nach Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 organisierte er die erste Fahrt an die rumänisch-ukrainische Grenze, brachte Hilfsgüter und nahm Geflüchtete mit zurück nach Deutschland.
Über das Programm „Lions Help for Ukraine“ wurden nach seinen Angaben mehr als 900.000 US-Dollar an Hilfsgütern in die Ukraine gebracht. Die bislang größte Einzelmaßnahme war ein Trinkwasserprojekt in Mykolajiw. Mit rund 250.000 US-Dollar wurden dort autarke Wasserstationen eingerichtet, die zehntausende Menschen versorgten, nachdem die zivile Infrastruktur massiv beschossen worden war.
Neben großen Projekten sind es oft die konkreten Einzelfälle, die ihn bewegen. In einer Kinderklinik in Czernowitz wurde mit Hilfe der Augsburger Initiative ein Brutkasten für Frühgeborene bereitgestellt. „Das Kind lebt, weil ihr geholfen habt“, schrieb ein Arzt später an das Team. Solche Rückmeldungen, sagt Blobel, seien kein Anlass für Pathos, sondern Antrieb, weiterzumachen.
„Wenn ein Land angegriffen wird, muss seine Kultur sichtbar bleiben“
Blobel spricht offen von einem Genozid an der ukrainischen Bevölkerung. Russland versuche, die ukrainische Identität auszulöschen, sagt er – kulturell, politisch, militärisch. Deshalb sieht er seine neue Rolle nicht nur wirtschaftlich. Zwar gehört diese Vernetzung zwischen Bayern und der Ukraine ausdrücklich zu seinen Aufgaben. Er soll Kontakte zwischen Unternehmen herstellen, Kooperationen anstoßen und Investitionen begleiten. Doch ebenso wichtig ist ihm die kulturelle Präsenz. „Wenn ein Land angegriffen wird, muss seine Kultur sichtbar bleiben“, findet er.
Blobels eigener Weg in dieses Engagement begann mit Fassungslosigkeit. Als ehemaliger Offizier war er überzeugt gewesen, ein großangelegter Landkrieg in Europa kündige sich langfristig an. Der 24. Februar 2022 widerlegte dieses Weltbild. Aus dem Schock sei rasch die Frage entstanden: Was kann ich konkret tun? Als Netzwerker mit regionaler Verankerung begann er, Kontakte zu bündeln, Spenden zu organisieren und Transporte zu koordinieren.
Die Ukraine, sagt er, verteidige nicht nur ihr Territorium, sondern den demokratischen Raum Europas. Dieses Argument zählt für ihn auch persönlich. Er wolle, dass seine Kinder in einem friedlichen, demokratischen Europa aufwachsen.
Mit dem Amt des Honorarkonsuls wird sein Engagement institutioneller. Generatoren und Wasserstationen bleiben wichtig. Doch künftig geht es auch um langfristige Strukturen: um wirtschaftliche Brücken, kulturelle Präsenz und um eine verlässliche Anlaufstelle für Menschen, die in Süddeutschland Schutz gesucht haben. Für Philipp Blobel ist das eine Fortsetzung dessen, was er seit vier Jahren tut: Verantwortung übernehmen.
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