Bischof Bertram Meier hat als Reaktion auf eine Studie zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Bistum Augsburg konkrete Konsequenzen angekündigt. Die „Aufarbeitung der jahrzehntelang andauernden Ignoranz der Verantwortungsträger gegenüber den Betroffenen“ dürfe nicht unterbleiben, schreibt der Bischof mit Blick auf die Analyse der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Augsburg (UAKA). Die Studie, die auf den Daten einer großen, bundesweiten Untersuchung aus dem Jahr 2018 beruht, befasste sich mit den Taten von 77 Geistlichen aus dem Bistum Augsburg. Sie gehen bis ins Jahr 1948 zurück. Die 77 namentlich identifizierten Täter sollen „193 Taten zum Nachteil von 156 Betroffenen“ begangen haben, viele der Opfer waren Kinder unter zehn Jahren. Ferner bezog die Kommission Meldungen sexualisierter Gewalt ab Mai 2017 mit ein – auf Basis der ihr vom Bistum zur Verfügung gestellten Daten.
Er habe „die Empfehlungen der UAKA, zu deren Mitgliedern zwei Vertreter des Unabhängigen Betroffenenbeirates zählen, besonders aufmerksam studiert“, schreibt der Bischof in seiner Stellungnahme. „Einiges davon wurde, teils auch von meinen Vorgängern im Amt, schon auf den Weg gebracht.“ Baldmöglichst solle jetzt eine Stelle für psychologische und pastorale Nachsorge für die Betroffenen geschaffen werden. „Strukturen, die eine zuverlässige und nachprüfbare Kontrolle der Einhaltung von Auflagen für Kleriker ermöglichen“, sollen weiterentwickelt werden.
Neu entdeckte Missbrauchsfälle sollen im Amtsblatt veröffentlicht werden
Konkret wird der Bischof beim Umgang mit Fällen, die in Zukunft noch ans Licht kommen könnten. Sie sollen künftig einmal pro Jahr im Amtsblatt veröffentlicht werden. Dieser offizielle Anzeiger der Diözese ist für jede und jeden auf der Homepage des Bistums abrufbar. Es erscheint einmal monatlich, das Bistum nennt ihn „eine zentrale Informationsquelle für die katholische Gemeinschaft“.
Unübersehbar in der Statistik zum sexuellen Missbrauch ist nicht nur die hohe Anzahl von besonders jungen Betroffenen, sondern auch die Tatsache, dass sich 31 Prozent der untersuchten Fälle in Pfarrhäusern und Privatwohnungen von Geistlichen ereigneten. Angesichts dessen empfiehlt die Kommission, ein Einladungsverbot zu prüfen. Das würde bedeuten, dass Kleriker unbegleitete Minderjährige nicht mehr in ihr Haus einladen dürfen. In diesem Punkt bleibt der Bischof unkonkret: Er wolle mit Mitarbeitern und Gremien beraten, ob es „ungeachtet des hohen verfassungsrechtlichen Schutzes der Wohnung“ Möglichkeiten gebe, „den auffallend häufigen Tatort Privatwohnung des Priesters als potenziellen Tatort auszuschließen“.
Der Punkt ist besonders brisant, weil eine ebensolche Tat große Kritik an der Studie ausgelöst hatte. Ausgerechnet dieser aufsehenerregende Fall hat keinen Eingang in die Studie gefunden. An die Öffentlichkeit gelangte er durch einen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein Mann sei von zwei Priestern missbraucht, vom Sekretär des damaligen Bischofs an die homosexuelle Szene der Stadt vermittelt und von einem Weihbischof mit dem Tod bedroht worden, sollte er sein Schweigen brechen. Die Schwester des Bischofs habe sich dafür eingesetzt, dass der junge Mann das Bischofshaus nicht mehr betreten dürfe, weil er für ihren Bruder „eine Verführung“ sei. Um welchen Bischof und welchen Tatzeitraum es sich handelt, ist nicht öffentlich bekannt. Dem Bistum Augsburg zufolge geht es um einen „Zeitraum im vergangenen Jahrhundert“.
Zwei aufsehenerregende Fälle sind nicht Teil der Augsburger Missbrauchsstudie
Die Diözese bestätigte unserer Redaktion, dass dem betroffenen Mann seit 2011 eine Leibrente von 3500 Euro im Monat bezahlt wird, allerdings nicht finanziert durch die Kirchensteuer. Dass der Fall nicht Teil der Studie ist, erklärte der ehemalige Richter Hubert Paul als Vorsitzender der Kommission damit, dass der Betroffene „zum Tatzeitpunkt zweifelsfrei volljährig“ gewesen sei. Die Studie aber befasste sich nur mit Minderjährigen. Auch weitere Taten, für die ein Kaplan 1963 sogar verurteilt wurde, taucht wegen des engen Studiendesigns nicht auf. Mehrere Augsburger Universitätsprofessoren kritisierten gegenüber unserer Redaktion das „unvollständige Bild“ der Studie.
Bischof Bertram Meier, der seit 2020 im Amt ist und dem die Untersuchung kein Fehlverhalten vorwirft, wendet sich in seiner Stellungnahme auch an die Betroffenen: „Ihr Leid geht mir sehr zu Herzen und die schwere Schuld des Bistums Augsburg Ihnen gegenüber lastet mir auf der Seele“, schreibt er. Ihn habe das „Entsetzen gepackt“ beim Lesen dieser Vorfälle und des viel zu oft völlig unangemessenen Umgangs mit ihnen. Er werde sich dafür einsetzen, dass das Bistum im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt „noch besser“ werde. „Ich hoffe vor allem, dass die Präventionsmaßnahmen wirklich greifen.“ (mit wida)
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