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Bahn: ICEs sollen warten, Verkehrsminister fordern Vorrang für Nahverkehr

Interview

„Wir stellen uns auf die Hinterbeine“: Verkehrsminister wollen ICEs der Bahn bremsen

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    Wenn es auf den Gleisen eng wird, soll der Regionalverkehr Vorfahrt haben. Das fordert der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter.
    Wenn es auf den Gleisen eng wird, soll der Regionalverkehr Vorfahrt haben. Das fordert der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter. Foto: Marcus Merk

    Herr Bernreiter, wie viele Milliarden Euro braucht es, um Bayerns Bahnnetz wieder in Schuss zu bringen – und woher soll das Geld kommen?

    CHRISTIAN BERNREITER: Eine konkrete Summe habe ich nicht ausgerechnet, dafür fehlt schlicht der vollständige Überblick. Aber eines sage ich ganz klar: Wir zahlen in Bayern jedes Jahr rund 750 Millionen Euro an Trassenentgelten – da darf man auch erwarten, dass das Netz funktioniert. Mit dem Sondervermögen des Bundes, rund 166 Milliarden Euro für die Schiene, ist jetzt zumindest die Grundlage gelegt. Entscheidend wird sein, dass dieses Geld auch wirklich richtig eingesetzt wird, damit wir endlich ein verlässliches Netz bekommen.

    Bahnchefin Evelyn Palla spricht von mindestens zehn Jahren Sanierungsdauer. Hand aufs Herz – das wird doch nicht reichen?

    BERNREITER: Mir ist wichtig, dass die Menschen nicht erst in zehn Jahren etwas merken. Ich erwarte, dass es schon in drei, vier Jahren spürbar besser wird – stabiler, pünktlicher. Das Sondervermögen ist jetzt auf zwölf Jahre angelegt – nach zehn Jahren muss dann auch wirklich ein Großteil geschafft sein. Wir dürfen jetzt nicht nachlassen und müssen darauf achten, dass für das Geld möglichst viele Kilometer Strecke ordentlich saniert werden – inklusive moderner, digitaler Technik.

    Die Bahn will Regionalzüge streichen, um das Netz zu entlasten. Sie lehnen das strikt ab. Warum?

    BERNREITER: Weil das aus meiner Sicht der falsche Weg wäre. Unsere Aufgabe ist es, den Status quo mindestens zu halten – eigentlich wollen wir das Angebot ja ausbauen. Die Menschen erwarten das auch: dichtere Takte, bessere Verbindungen. Gerade im Großraum München nutzen sehr viele Fahrgäste täglich den Nahverkehr. Dort haben wir 60 Prozent des bayerischen Fahrgastaufkommens. Diese Menschen hätten überhaupt kein Verständnis, wenn ausgerechnet ihre Züge gestrichen werden, nur weil irgendein Expresszug daherkommt.

    Aber den Ländern fehlen Milliarden für den Betrieb der Regionalzüge, die sie vom Bund fordern. Da müsste ein kleineres Angebot doch willkommen sein?

    BERNREITER: Nein, das kann nicht die Lösung sein. Der Schienenpersonennahverkehr ist Daseinsvorsorge. Deshalb haben wir auch im Koalitionsvertrag festgehalten, dass die Regionalisierungsmittel deutlich erhöht werden müssen. Weniger Angebot wäre ein falsches Signal. Es kann sein, dass man mal einzelne Züge streicht, weil die Nachfrage fehlt. Mehr aber auch nicht.

    Was ist Ihre Alternative zu möglichen Kürzungen?

    BERNREITER: Wir müssen uns sehr genau anschauen, wem die Trassen zugeteilt werden. Es kann nicht sein, dass einzelne Anbieter nur die lukrativen Fernverkehrsverbindungen bedienen wollen und sich die Rosinen herauspicken. Der Nahverkehr darf dabei nicht ins Hintertreffen geraten. Außerdem ist mir wichtig, dass auch kleinere Städte in der Fläche weiterhin gut angebunden bleiben. Für mich gibt es keine Regionen zweiter Klasse.

    Heißt das im Zweifel: Fernverkehr bremsen statt Regionalzüge streichen?

    BERNREITER: Wenn es darauf hinausläuft, dann ja. Vorrang sollte das Angebot haben, das von den meisten Menschen genutzt wird – und das ist nun einmal meist der Nahverkehr. Es kann nicht sein, dass der Schienenpersonennahverkehr im Wettstreit um Trassen das Nachsehen hat – das werden die Länder nicht akzeptieren. Die Verkehrsminister werden das auch auf ihrer Konferenz in Lindau kommende Woche sehr deutlich machen. Da werden wir uns auf die Hinterbeine stellen.

    Viele Fahrgäste ärgern sich über kurzfristige Baustellen und schlechte Information. Was wollen Sie dagegen tun?

    BERNREITER: Ich kann hier viel anmahnen und unterstützen, aber natürlich nicht alles selbst entscheiden. Wichtig ist mir, dass wir mehr Stabilität ins Netz bekommen. Im Moment haben viele das Gefühl, dass Baustellen ständig wandern und nie wirklich enden. Gerade Regionen wie Schwaben und das Allgäu sind stark betroffen. Da muss die Bahn besser werden – und zwar spürbar in den nächsten Jahren.

    Und bei der Fahrgastinformation? Heutzutage kann jeder Fußgänger seinen Standort mit dem Handy orten, aber Züge verschwinden – salopp gesagt – im Schwarzen Loch.

    BERNREITER: Da habe ich eine klare Erwartung an die Bahn und Frau Palla hat auch zugesagt, dass das in diesem Jahr funktioniert. Die Information muss nahezu in Echtzeit funktionieren. Es hilft niemandem, wenn komplizierte Abläufe im Hintergrund erklären, warum etwas nicht geht. Der Fahrgast will wissen: Fährt mein Zug? Bekomme ich meinen Anschluss? Wenn das nicht zuverlässig funktioniert, bleiben die Kunden weg.

    Das Deutschlandticket sorgt für volle Züge. Wie entwickelt sich der Preis? Auch darum soll es ja bei der Verkehrsministerkonferenz gehen.

    BERNREITER: Die Finanzierung ist gesichert. Wir führen in Kürze einen Preismechanismus ein, der sich unter anderem an Personal-, Energiekosten und allgemeiner Kostenentwicklung orientiert – der gilt dann ab Anfang kommenden Jahres. Wie genau der aussieht, wird noch festgelegt. Klar ist aber auch: Trotz der letzten Erhöhung nutzen mehr Menschen das Ticket – das ist ein gutes Zeichen.

    Blick in die Zukunft: Kommt die neue ICE-Strecke zwischen Ulm und Augsburg in den nächsten zehn Jahren?

    BERNREITER: Ich gehe davon aus, dass der Bau bis dahin startet. Die Planungen sind schon weit fortgeschritten, und es gibt Bewegung. Natürlich weiß jeder, wie anspruchsvoll solche Großprojekte sind. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir hier vorankommen – schließlich gibt es in Schwaben auch Ulrich Lange, der an vorderster Front dafür kämpft.

    Wann verschwindet die letzte Diesellok aus Bayern?

    BERNREITER: Unser Ziel ist, ab 2040 im Schienenverkehr lokal emissionsfrei unterwegs zu sein. Daran halten wir fest und investieren freiwillig dreistellige Millionenbeträge. Ob das genau so gelingt, hängt aber stark davon ab, wie schnell Fahrzeuge geliefert werden und wie konsequent die Elektrifizierung vorangeht. Wenn es da Verzögerungen gibt, müssen wir Übergangslösungen finden.

    Wo besteht beim Ausbau der Elektrifizierung der größte Nachholbedarf?

    BERNREITER: Vor allem im Allgäu und in Oberfranken gibt es noch größere Lücken. Wir gehen das schrittweise an und setzen auch auf Batteriezüge, die auf Teilstrecken elektrisch laden können. Dafür brauchen wir die entsprechende Infrastruktur – und die treiben wir jetzt voran.

    Und Wasserstoffzüge – sind die noch ein Thema?

    BERNREITER: Stand heute eher nicht. Die Technik hat sich als anfällig erwiesen, und vor allem die Kosten für Infrastruktur und Energie sind sehr hoch. Außerdem ist der Wirkungsgrad deutlich schlechter als bei direkter Elektrifizierung. Deshalb setzen wir klar auf elektrische Lösungen.

    Der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter erwartet ein besseres Netz der Deutschen Bahn.
    Der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter erwartet ein besseres Netz der Deutschen Bahn. Foto: Armin Weigel, dpa

    Zur Person

    Christian Bernreiter (61) ist seit 2022 bayerischer Minister für Bau, Wohnen und Verkehr. Zudem ist der CSU-Politiker derzeit Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz, bei der sich die Länder bei wichtigen verkehrspolitischen Themen abstimmen und auf eine gemeinsame Haltung gegenüber dem Bund verständigen.

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