Die Lage auf Bayerns Bahnstrecken ist verzweifelt: Wegen des schlechten Zustandes der Gleise sind rund 100 Langsamfahrstrecken eingerichtet, auf einem Viertel der Strecken wird wegen baulicher Mängel nach einem Notfahrplan gefahren. Selbst Bahnchefin Evelyn Palla sagt, „wir müssen raus aus dem Krisenmodus.“ Das Netz sei „marode, zu alt und zu voll.“ Wird es also künftig weniger Regionalzüge geben, die das Rückgrat des Nahverkehrs in vielen bayerischen Regionen sind? Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) widerspricht: „Ich habe nicht vor, den Nahverkehr großartig zu streichen.“
Anbieter wie die Bahn selbst oder Arverio bedienen im Auftrag des Freistaats die Regionalstrecken, verbinden beispielsweise Städte wie Augsburg, Ulm und Würzburg miteinander und mit München. Dank des Deutschland-Tickets fahren damit zahlreiche Pendler konkurrenzlos günstig, leiden aber unter Verspätungen und Zugausfällen. Hauptgrund sind das marode Streckennetz und überlastete Knotenpunkte.
Bahn in der Krise: Helfen weniger Züge?
Am Montag diskutierten im Münchner Landtag Verkehrspolitiker mit Bahnchefin Evelyn Palla hinter verschlossenen Türen über Wege aus der Dauerkrise. Im Anschluss waren sich die Teilnehmenden einig: Um die Rückstände aufzuholen, braucht die Bahn weitere Milliarden und viel Zeit. Mindestens zehn Jahre, schätzt Bahnchefin Palla, muss gebaut werden, was das Zeug hält. Beaufsichtigt werden soll das von einem parlamentarischen Unterausschuss des Landtags. Die Politik habe gegenüber den Bahnkunden etwas gut zu machen, findet der CSU-Politiker Jürgen Baumgärtner, der Vorsitzender des Verkehrsausschusses ist. „Am Ende hat nicht die Deutsche Bahn das System an die Wand gefahren, sondern die Politik.“
Baumgärtner sicherte der Bahnchefin, die sich im Anschluss mit Ministerpräsident Markus Söder traf, Unterstützung zu im Kampf um weitere Milliarden. Zugleich zeigte er sich offen dafür, den „ein oder anderen Zug zu streichen“. Palla und ihr Infrastrukturvorstand Philipp Nagl ließen am Montag mehrfach anklingen, dass ihres Erachtens zu viele Züge im Netz unterwegs sind. Wenn es dort eng wird, hat der Nahverkehr schnell das Nachsehen. Darauf wies Bernreiter hin. Deshalb stehe er weiteren Lizenzen für Fernverkehrsverbindungen zwischen Großstädten skeptisch gegenüber. Er wolle beim Regionalverkehr den „Status quo“ erhalten und setzt dabei auf ein besseres Krisenmanagement. So soll in diesem Jahr noch die Fahrgast-Information in Echtzeit verlässlich kommen, auch das Baustellen-Management soll besser werden. Im vergangenen Jahr etwa wurde über die Hälfte der Baustellen nicht rechtzeitig angekündigt.
In München hat der Freistaat S-Bahn-Züge gestrichen
Kritisch ist die Lage auch in Deutschlands Pendlerhauptstadt München, die von rund einer halben Million Menschen am Tag angesteuert wird. Dort hat der Freistaat zuletzt bei der S-Bahn einige Züge in sogenannten Randzeiten gestrichen und dafür herbe Kritik aus der Wirtschaft kassiert. „Ein fast schon tägliches Desaster“ sei die S-Bahn im Raum München, so die dortige Industrie- und Handelskammer.
So schnell wird es auch nicht besser werden, fürchtet Markus Büchler, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Landtag. „Die Talsohle an Verspätungen und Zugausfällen ist noch nicht erreicht, denn die Infrastruktur zerbröselt schneller, als die Bauarbeiten hinterherkommen.“ Die Bundesregierung lasse zwar einige Hochleistungskorridore sanieren, so Büchler, andere Projekte aber kämen nicht voran. „Die Elektrifizierung und der Ausbau der aktuell als Totalschaden gesperrten Pegnitztalstrecke oder auch die Neubaustrecke Ulm–Augsburg müssen endlich konsequent vorangebracht werden.“ Hier stehen noch Beschlüsse des Bundestages aus.
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