Man stelle sich einen vollen Hörsaal mit 400 Studentinnen und Studenten vor, vorne die Professorin. Sie stellt ihren jungen Zuhörern eine Aufgabe zum Stoff. Unmöglich, dass sie hinterher jedem und jeder der 400 Studierenden eine persönliche Rückmeldung gibt. Künstliche Intelligenz (KI) aber kann das, erklärt der Augsburger Lernanalytiker Michael Sailer. Er forscht mit seinem Team zum Lernen und Lehren mit technologischer Hilfe und hält KI für eine Bereicherung. Doch das sehen längst nicht alle so.
Beim Einsatz von KI stecken Bayerns Hochschulen nämlich „noch in einem Anfangs- und Versuchsstadium“ fest. Dieses Urteil fällt eine neue Studie im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), die unserer Redaktion exklusiv vorliegt. Die Hochschulen sind demnach zwar technisch top ausgestattet. Dozentinnen, Dozenten und Studierende bewerten die digitale Infrastruktur so gut wie nie. Aber bei der Qualität der digitalen Lehre ist der Analyse zufolge noch sehr viel Luft nach oben.
Digitale Hilfsmittel an Unis werden oft nur für Präsentationen genutzt
Im Vergleich zur ersten vbw-Studie 2018 sind die Lehrveranstaltungen zwar viel digitaler geworden, wie die großangelegte Befragung von Menschen im Hochschulkosmos zeigt. Oft beschränken sich die digitalen Elemente aber auf Präsentationen und einfache Übungsaufgaben. KI nutzen Dozierende und Studierende demnach überwiegend zur Vor- und Nachbereitung ihrer Vorlesungen und Seminare. In den Lehrveranstaltungen selbst lassen die meisten lieber die Finger davon.
„KI kommt zwar zum Einsatz, aber noch viel zu zurückhaltend“, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw. Nur etwa sechs Prozent des Lehrpersonals, so die Studienautoren, „setzen KI kritisch-reflexiv gemeinsam mit den Studierenden ein, zum Beispiel, indem KI-Funktionen getestet oder KI-Antworten bewertet werden“. Die Berührungsängste sind je nach Fachbereich unterschiedlich groß.
Überdurchschnittlich offen für KI sind die Leute in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, auch in Medizin und natürlich in der Informatik. In den Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften, aber auch in Jura, ist die Zurückhaltung größer.
„KI ist nicht nur der Gamechanger, der alles toll macht, aber definitiv auch kein Teufelszeug“, sagt Michael Sailer, der in Augsburg den Lehrstuhl für Learning Analytics innehat. Versetzen wir uns noch einmal in den großen Hörsaal vom Anfang des Textes.
KI kann 400 Leuten ein persönliches Feedback geben
Wenn man Studierenden digital eine Aufgabe vorgebe und die KI mit der richtigen Antwort ausstatte, dann könne sie „in Echtzeit jedem und jeder Studierenden eine individuelle Rückmeldung geben“.
Ein weiteres Beispiel für gewinnbringende KI-Arbeit kennt Sailer aus der Uni Potsdam, wo angehende Lehrkräfte mittels einer VR-Brille in virtuellen Klassenräumen mit KI-simulierten Kindern unterrichten. „Die Lehrkraft lernt auf diese Weise, eine ganze Klasse im Griff zu behalten.“ Selbst dann, wenn ein paar Schüler mit ihren Sitznachbarn schwätzen, andere durch die Reihen rennen und gleichzeitig ein weiteres Kind eine Frage stellt.
An bayerischen Hochschulen sieht gut ein Viertel der Dozenten und ein Drittel der Studierenden die Computer-Intelligenz als wertvolle Unterstützung, zum Beispiel beim Schreiben, Recherchieren oder beim Lösen von Verständnisschwierigkeiten. Gleichzeitig ängstigen vier von zehn Befragten dabei negative Folgen, etwa dass sie von der Technologie abhängig werden und die Fähigkeit zum Selbstdenken verloren geht. Was also tun?
„Bildung ist die wichtigste Ressource, die wir als rohstoffarmes Land haben“, betont Bertram Brossardt. Digitale Kompetenz sei der Schlüssel für zukunftsfähige Bildung. „Wir können den Lehrkräften die Skepsis nehmen, indem wir ihnen passgenaue Aus- und Weiterbildungsangebote zur Verfügung stellen.“ Brossardt sieht bei dieser Aufgabe auch die Hochschulleitungen in der Pflicht.
Die Ressourcen an den Hochschulen seien da – jetzt müsse der Lehrkörper gezielt unterstützt werden, „diese neuen digitalen und KI-gestützten Optionen gewinnbringend für die Lehre zu nutzen.“ Die Studienautoren machen sich ferner für Prüfungsformate stark, die nicht nur – wie es häufig noch der Fall ist – Fachwissen abfragen. Vielmehr sollten „praxistaugliche Kompetenzen“ eine größere Rolle spielen.
Fachpersonen für Pädagogik und Lernanalysen der Ludwig-Maximilians-Universität München und ein Team um Michael Sailer in Augsburg haben für die Studie 13 Hochschulleitungen in Bayern, fast 800 Lehrpersonen und mehr als 1700 Studentinnen und Studenten befragt.
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